Arbeitsbericht meiner Reise nach Guinea-Bissau (1.8.-15.8.2007)

Meine Reise verlief diesmal über Dakar, die Hauptstadt des Senegals. Der Landeanflug durch eine lange Gewitterfront. Die gespenstischen Blitze ließen sich bei diesem Nachtflug über weite Strecken am Horizont verfolgen. Eine archaische Stimmung, die Gedanken an Geisterbeschwörung, Zauberei, Eintauchen in den fremden „schwarzen“ Kontinent heraufbeschworen.
Dakar selbst war am Ende der Trockenzeit noch sehr staubig. Es hatte in den letzten Tagen erst zweimal kurz geregnet. Bissau dagegen schon vom Flugzeug aus strahlend grün. Die Regenzeit hatte dieses Jahr zwar erst sehr spät im Juli begonnen, dafür waren die täglichen Regenmassen, die vom Himmel fielen, ausreichend. Ich war mit etwas Angst vor der Regenzeit gekommen, der Hitze, der extremen Luftfeuchtigkeit, dem immerwährenden Feuchtigkeitsfilm auf der Haut, den Mosquitos, dem hohen Malariadruck…..hatte dabei aber ganz die Schönheiten der Regenzeit vergessen: die unterschiedlichen Grüntöne, das stechende fast Neonhellgrün der jungen Reispflanzen, die in Anzuchtbeeten vor den Häusern kultiviert werden, und dazu der Kontrast der roten Erde, blauer Himmel, strahlend weiße Wolkenberge oder heranziehende schwarze Gewitterfront, die vielen blühenden Bäume, darunter der Baobab mit riesigen, etwa 30cm großen, tellerförmigen Blüten.


Dorf mit Reisanzuchtfeld

Dann die Wassermassen, die auf die Blechdächer trommeln, daß man sein eigenes Wort nicht mehr versteht, die riesigen Löcher und Wannen der Staubstraßen, die zu Seen werden und man nicht weiß, auf welcher Seite man am besten durchfährt, bzw. man, wenn man eintaucht, nicht weiß, ob und wie man auf der anderen Seite wieder auftaucht, Häuser, die von Wasser eingeschlossen sind und nur auf Steinen balancierend trockenen Fußes erreicht werden können.
Auf dem Land war überall der Beginn der Feldbestellung zu sehen. Gruppen von Jungen und Männern aller Altersgruppen waren in den Dörfern und auf den Feldern mit ihren traditionellen Spaten und Hacken am arbeiten, die Hausgärten um die Häuser waren bestellt, und man sah je nach Region Reis, Mais, Hirse oder Erdnußpflanzen wachsen. Die große Sorge ist jetzt, ob der Regen auch bis November anhalten und nicht zwischendrin einige Wochen aufhören wird, so wie es im letzten Jahr geschehen ist. Nachdem in den letzten Jahren vermehrt der Cashewanbau propagiert worden war, dann aber die Anbauer infolge des weltweiten Preisverfalls und einer undurchsichtigen lokalen Politik letztes Jahr ihre Cashewnüsse nicht verkaufen konnten, was zusammenfiel mit einer schlechten Regenzeit und zwangsläufig einer mangelhaften Reisernte was der Grund für eine Hungersnot war, sind jetzt bereits gegenläufige Tendenzen zu bemerken. Cashewbäume werden herausgerissen und Obstbäume gepflanzt. Das Problem ist jedoch, daß die Öle der auf den Boden gefallenen Blätter den Boden auf Jahre hinaus unfruchtbar gemacht haben.


Gruppe der Medicina natural
Die Gruppe an sich war in den letzten Monaten etwas zerfallen, auch bedingt durch die Versetzung und das dann nicht mehr Auffindbarsein des ehemaligen Leiters. Die Gründe sind für uns Ausländer bis jetzt undurchsichtig.
Mein dreitägiger Kurs, den ich während meines jetzigen Aufenthaltes abgehalten habe, scheint der ganzen Gruppe wieder Schwung und auch ein Zusammengehörigkeitsgefühl verschafft zu haben. Alle 30 Teilnehmer waren voller Interesse und Energie, das Neugelernte umzusetzen. Ich habe 3 Heilpflanzen vorgestellt, davon 2 in Guine vorkommende, die unter anderem bei Unterernährung und Malaria eingesetzt werden können, und eine artverwandte von unserer Wermutpflanze ist (Beifussgewächse), mit lateinischem Namen Artemisia annua heißt, die als Alternative zu den gängigen synthetischen Malariamitteln in Afrika angebaut wird und zum einen mehr Unabhängigkeit von den Farmafirmen gibt, zum anderen aber der Restistenzentwicklung der Malariaerreger entgegenwirken soll. Die Gruppendynamik war sehr rege, es fand ein gegenseitiger Austausch statt, der neue Leiter, ein Biochemiker und Leiter des Nationallaboratoriums, zeigte mit seinen Beiträgen, daß er die Leitung der Gruppe nicht nur nominell übernommen hat.
Ein grundlegendes Interesse an der Homöopathie war vorhanden. In einem Zentrum fand ich sogar eine liebevoll angelegte homöopathische Ecke. In einzelnen Notfällen wird homöopathisch behandelt. Wir haben an einem Abend sogar bis spät in die Nacht hinein im Schweiße unseres Angesichtes potenziert, aber in dem Kurs selbst war zuwenig Zeit, die Homöopathie zu vertiefen. Es was auch mein Abreisetag an dem mein Flug auch noch von 22 Uhr auf 12 Uhr mittags vorverlegt worden war, und zum anderen nahmen viele neue Kursteilnehmer ohne homöopathische Vorkenntnisse teil. Auf diese Feststellung meinerseits kam das Angebot der „Erfahreneren“ für interessierte Neue eine interne homöopathische Weiterbildung machen zu können! Die Homöopathie soll unbedingt weitergehen! Das Beispiel Indien und Brasilien war einigen bekannt. Für den nächsten Kurs Anfang des nächsten Jahres hat sich diese Gruppe eine Weiterbildung in der homöopathischen Behandlung der Atemwegsinfekte und des Asthmas gewünscht.

Die Entwicklung der Gruppe in den letzten Jahren ist stufenweise erfolgt. Die erste Stufe war die Sammlung des Wissens über die traditionelle Heilkunde mit der Herausgabe des Buches über die traditionellen Heilpflanzen Guine-Bissaus. Die 2. Stufe bestand in der Verarbeitung und Verabreichung der pflanzlichen Heilmittel und der Eröffnung von Apotheken. Davon gibt es inzwischen einige beginnende Initiativen und 3 gut funktionierende, inzwischen sogar mit Kontakten und Abnahme in den lokalen Krankenhäusern. Es werden vor allem Hustensäfte, Säfte gegen Blutarmut und zur Abwehrsteigerung, Salben gegen alle möglichen Hautkrankheiten und rheumatische Beschwerden und der schwarze Stein zur Behandlung von Schlangenbissen hergestellt. Im Kurs wurde nochmals zusammen erarbeitet, welche Informationen auf einem Arzneifläschchen stehen müssen.


Herstellung von Hustensaft

Um die zunehmende Produktion zu erleichtern besteht die 3.Stufe im Anlegen von Heilpflanzengärten. Eigentlich war ich mit der Idee, daß es an der Zeit wäre, einen Heilpflanzengarten anzulegen, nach Bissau gereist und fand zu meiner großen Überraschung und Freude schon einige vor. Auch hier wieder von der Idee, dem schon ausgewählten Areal, dem gerodeten Land, dem eingezäunten Feld bis dem schon angelegten Garten mit Beeten von Kurkuma, Batata de mato. Zitronella…unterschiedliche Stufen.


Anbau von Kurkuma


Da wir alle diese Gärten besucht und dokumentiert hatten, konnten wir die entsprechenden Photos der Heilpflanzen im Kurs zeigen. Die einzelnen Zentren konnten ihre Gärten mit viel Stolz vorzeigen und erklären, andere wollen versuchen es nachzumachen. Der Austausch unter den Zentren wird dadurch gefördert („von uns könnt ihr die Pflanzen bekommen“). Vielleicht wird dadurch auch eine Art der Spezialisierung eingeleitet.
Das am weitesten fortgeschrittene Zentrum im Süden, in Bedanda, hat extreme Probleme mit dem Trinkwasser. Ab Februar bis zu Beginn der Regenzeit im Juni oder Juli sind die Brunnen ausgetrocknet, bzw. ergeben nur noch Salzwasser. Als Nebeneffekt war die Hälfte der Heilpflanzen dieses Gartens eingegangen. Padre Alberto konnte auf unserer Reise eine Lösung für dieses Problem finden und es wird jetzt ein großer Regenwasserauffangbehälter in Eigenarbeit mit finanzieller Unterstützung der Stiftung Johannes Paul des Zweiten gebaut. Was dieses Zentrum noch dringend bräuchte, wäre eine überdachte Kochstelle zur Herstellung, Verarbeitung und Aufbewahrung der pflanzlichen Medikamente. Ein Kleinprojekt, das von unserem Verein dank einer großzügigen Spende einer Frau aus Volkach geleistet werden wird.


Arbeitsbesprechung

Alle Mitglieder der Gruppe arbeiten bis jetzt ehrenamtlich. Das bedeutet, daß sie neben ihrer sonstigen Arbeit Zeit für die Gruppenarbeit aufbringen müssen. In Mansoa z.B. kommt die Gruppe jeden Monat 2 Tage lang zusammen, um Heilpflanzen zu suchen und zu verarbeiten. Nachdem sich durch die Mehrproduktion für die Hospitäler der Zeitaufwand erhöht und die Medikamente nach einem gewissen Modus abgegeben werden müssen, ist es jetzt an der Zeit, in die 4. Stufe einzutreten. Es muß für die einzelnen Zentren ein betriebswirtschaftlicher Modus gefunden werden, wie die Medikamente verkauft werden können und der Gewinn auf die einzelnen Mitglieder verteilt wird. Ein Kurs dieser Wissensvermittlung ist für Ende des Jahres geplant. Die einzelnen Zentren mit ihren spezifischen Problemen sollen dann über längere Zeit weiter begleitet werden.

Ideen, um das Zusammengehörigkeitsgefühl der Gruppe zu fördern, bzw. die Bedeutung der natürlichen Medizin auch nach außen hin zu demonstrieren und der Bevölkerung wieder die Achtung vor den eigenen Heilpflanzen zu vermitteln:

1. T-shirts für die Teilnehmer, auf der Vorderseite mit einem runden Symbol bedruckt (eine stilisierte Pflanze) umgeben von der Aufschrift „Medicina natural - Caritas Guine-Bissau“; auf der Rückseite: Medicina natural em defesa da vida (Naturmedizin zur Verteidigung des Lebens) (die T-shirts wurden zusammen erarbeitet und 30 Stück bedruckt =120Euro)
2. Erstellung von Postern mit den am häufigsten verwendeten einheimischen Heilpflanzen:
Wir wollten im Laufe des Kurses 15-20 Heilpflanzen auswählen und dann mit wissenschaftlicher, umgangssprachlicher Bezeichnung und Hauptanwendungsgebieten abbilden. Die Auswahl gestaltete sich schwierig, weil alle Pflanzen als wichtig erschienen. Die Diskussion dauert noch an. Der Druck könnte in Bissau erfolgen. Die Gruppe wird uns einen Kostenvor-anschlag schicken. Die Poster sollen dann in allen Hospitälern und Gesundheitszentren aufgehängt werden.
3. Radiosendungen der Lokalsender über Themen der Medicina natural sind geplant.


Die Solarlampe
Ich habe die Solarlampe in mehreren Gruppen vorgestellt, dem Bischof von Bissau, der Medizingruppe, Studenten… und überall ist sie auf Begeisterung gestoßen. Ich hätte die Bestellung für viele Exemplare mitbringen können. In der Diskussion habe ich auch viele Lösungsmöglichkeiten gesehen, was die Sicherung des Solarpanels anbelangt. Leider war Pepito, der Geschäftsfüher der ortsansässigen ONG „Accao para o desenvolvimento“ (AD), mit dem ich das weitere Vorgehen und die Anbindung besprechen wollte, gerade nicht erreichbar.

Es war meine 3. Reise nach Guinea-Bissau innerhalb von 3 Jahren. Ich habe versucht, nicht in die Haltung der Bewertenden zu verfallen, was sehr schwer ist. Unwillkürlich drängen sich Vergleiche zu den letzten Jahren oder zu den verklärten „tempos antigos“ der 80er Jahre auf, als wir mit der Kraft unseres jugendlichen Enthusiasmus meinten, in kurzer Zeit viel verändern zu können. Diese Energie zur positiven Veränderung und zum Fortschritt war damals nach dem langen Befreiungskampf und der endlich erreichten Unabhängigkeit auch von der guiniensischen Seite ganz stark zu spüren gewesen. Ich mußte erkennen, daß das Land und die Leute ihr eigenes Tempo und auch andere Präferenzen haben. Es sind vielleicht kleine Fortschritte, aber es gibt sie. Oft sind nur kleine unterstützende Impulse zum richtigen Zeitpunkt nötig, wie ich an der nicht von oben angeordneten Gemeinschaftsarbeit des Baus eines riesigen Dammes oder einer Schiffsrampe gesehen habe, am Durchhaltevermögen zweier junger Agraringenieure, denen nach 4 Jahren eine von ihnen mustergültig aufgebaute, vom Staat gepachtete Farm grundlos wieder weggenommen worden ist, die aber nicht aufgaben, sondern jetzt mit der Unterstützung der Bevölkerung wieder von vorne angefangen haben, „wir müssen doch den jungen Leuten zeigen, daß es auch anders geht“.

Was ich wieder gelernt habe, war, daß man schon mit Plänen kommen kann, aber zu jeder Zeit bereit sein muß, sie an die Realität anzupassen oder auch um 180° zu verändern, weil der Verantwortliche nicht da ist, die einzige Straße unpassierbar ist, das Auto kaputt ist, der Flugplan verändert wurde und, und, und……


Weiter Projekte in Erarbeitung

a) Anlage von Heilpflanzengärten und Baumschulen zur Verbreitung der lokalen Pflanzen, Bäume und Sträucher als Grundlage zur Herstellung von Naturmedikamenten


Heilpflanzengarten


Nicht nur das Wissen um Heilpflanzen soll verbreitet werden, sondern auch die in Baumschulen gezogenen Pflanzen, Stecklinge, Bäume und Sträucher um in jedem Dorf Heilpflanzen nachhaltig nutzen zu können. Mit der ortsansässigen Nichtregierungsorganisation AD wird ein Projektplan für die Anzuchtgärten und Baumschulen derzeit erarbeitet und dann die Anzucht von Heilpflanzen und der Aufbau von Heilpflanzengärten finanziell unterstützt.


Als ich 12 Stunden lang in Dakar auf meinen Rückflug nach Europa warten mußte, ohne Möglichkeiten auch nur irgendetwas zur Ablenkung zu unter-nehmen, setzte sich ein etwas angetrunkener Senegalese zu mir, der so gar nicht mit meiner Rolle als alleinreisender Frau zurechtkam. Entwicklungshilfe wäre ja recht und schön, aber wo denn mein Mann wäre. Der arme Kerl muß zu Hause auf die Kinder aufpassen und ich reise da so allein durch die Welt. Etwas später kam er noch mal und diesmal schien ihm mein Rucksack nicht zu gefallen. „Wie ein Clochard, Madame, wie ein Clochard!“ Ich konnte ihm leider nicht vermitteln, wie viele positive Eindrücke ich gesammelt hatte auf meiner Reise, was für ein Gefühl es war, als am Ende des Kurses jeder einzelne Kursteilnehmer mich umarmt und mir seine persönlichen Segenswünsche mit auf den Weg gegeben hat…..

Vorsitzende Dr. med. Sonja Prexler-Schwab

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