Projektreise vom 22. Februar bis 04. März 2017

Eine Reise so kurz und so mit Terminen vollgestopft, dass ich nicht zu meinen Tagebuchaufzeichnungen gekommen bin und jetzt das Gefühl habe, mich nicht mehr an alles erinnern zu können. Meine Seele ist wohl irgendwo hängen geblieben. Ich versuche es dennoch einmal.

19.2.2017

Wieder einmal ziehen wir mit unseren 4 Schrankkoffern los. Jeweils 23 kg sind erlaubt und die können wir mit den Materialien für die jeweiligen Projektgruppen spielend füllen. Nur die Wuchterei beim Ein- und Aussteigen aus dem Zug ist etwas beschwerlich und ich überlasse sie mangels Kräften Arnold. Auf den engen Rolltreppen im Flughafen stelle ich mich dafür geschickter an – einen Koffer vorne, einen hinten. Nicht so ganz einfach. Ich bin erleichtert unser Gepäck aufgeben zu können. Allerdings Nervosität am Band. Ob ich denn meinen Koffer selbst gepackt habe und wirklich sicher bin, dass mir niemand etwas hineingeschmuggelt hat. Bin ich noch nie gefragt worden! Wir müssen unsere Koffer immer noch selbst packen.

Auch wenn wir in den Weihnachtsferien schon mit den Vorbereitungen angefangen haben, ist es letztendlich doch wieder zeitlich knapp geworden. Ich habe wochenlang auf diesen Moment hin gearbeitet: nur noch mit meinem kleinen Rucksack, einem Krimi und einem neuen Sudokuheft still auf einem, wenn auch unbequemen Stuhl zu sitzen, und auf das Flugzeug zu warten. Selbst die Verspätung kann mich nicht aus der Fassung bringen. Die neusten Zeitungen in dem Flugzeug berichten wie auch letztes Jahr über die diesjährige Afrikareise des marokkanischen Königs. Letztes Jahr hat er Guinea-Bissau durch seinen Besuch in Aufregung versetzt. Marokko scheint sich im westafrikanischen Raum, sicher auch im Hinblick auf die Schaffung neuer Absatzmärkte, zu engagieren.

In Casablanca große Enttäuschung. Wir hatten uns so auf den nordafrikanischen Minztee gefreut, aber es gibt nur ganz gewöhnlichen Schwarztee. Großes Gewimmel auf dem Flughafen, der Drehscheibe Nordafrikas mit Verbindungen in die ganze Welt. Das Verhalten der Passagiere hat sich in den letzten Jahren doch sehr geändert, jeder ist nur noch mit seinen elektronischen Medien beschäftigt. Wir treffen einen Italiener, der die Medizingruppe näher kennenlernen will und uns wohl teilweise auf der Reise begleiten wird. Da er kein Portugiesisch spricht, müssen wir uns auch noch auf Englisch einstellen.

20.2.2017

Ankunft in Bissau gegen 3 Uhr morgens. Es ist angenehm kühl. Die Passkontrolle geht extrem langsam von statten, da, wie an den großen Flughäfen, das Gesicht eingescannt und die Fingerabdrücke registriert werden müssen, aber Schnelligkeit und Routine noch fehlen. Als ich dann endlich dran bin, beschließt ein Vorgesetzter, dass das doch eigentlich alles unnötig ist, und schon bin ich durch. Dafür sind schon alle unsere Koffer auf dem Band und auf meinen Einwand hin, dass alles für die Mission sei, nimmt der Zollbeamte von der Kofferinspektion Abstand und winkt uns durch. Padre Alberto wartet schon und bringt uns durch die angenehm leere Stadt auf schnellem Weg nach Takir, dem Übernachtungshaus der Padres. Als wir uns ins Bett legen, schreien schon die ersten Hähne.

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Nach kurzer Zeit wache ich frierend wieder auf. Außer einem Leintuch habe ich nichts zum Zudecken, bin aber auch zu müde zum Aufstehen, um mir eine Decke zu suchen. Da lege ich mein Leintuch eben doppelt und versuche mich so darunter einzurollen, dass nichts rausschaut. Ein wenig kann ich noch schlafen, dann gibt es auch schon Kaffee und das erste Gespräch mit dem Chef des öffentlichen Gesundheits-wesens. Er hatte im vergangenen Jahr eine große Ver-sammlung einberufen, um traditionelle und moderne Medizin mit-einander ins Gespräch zu bringen. Die Natur-medizingruppe war mit 3 von mir erstellten großen Powerpoint-Beiträgen ganz gut vertreten. Sehr positiv wurde auch das gegenseitige Kennenlernen und Knüpfen neuer Kontakte empfunden. Wir versuchen jedes Jahr, auch zur Absicherung, mit dem Direktor zu reden und ihm von der Entwicklung der Gruppe zu berichten. Er hat vor, das Curriculum für die Naturheilkundeausbildung des Nachbarlandes Burkina Faso zu besorgen, um die Naturmedizin auch in das Medizinstudium Guinea-Bissaus einzuführen. Die MedNat Gruppe hat sich dieses Jahr zum ersten Mal ein Thema von mir gewünscht und zwar die Behandlung Diabeteskranker mit Heilpflanzen.

Da die Zuckerkrankheit ein rasant zunehmendes Problem in Afrika ist, ist der Direktor von dem Thema sofort begeistert und schlägt mir vor, den Vortrag auch für die Ärzte zu halten. Umgehend legt er den Termin fest und schreibt ein Rundmail an über 100 Leute. Hilfe! Ich habe den Vortrag doch nur für eine Gruppe vorbereitet, die von Anatomie und Physiologie keine Ahnung hat. Vor Ärzten kann ich ihn so nicht bringen, ich werde mir was einfallen lassen müssen!

Der Rückweg nach Takir ist im Mittagsgewühle etwas schwieriger. Es gibt zwar eine Straßenverkehrsordnung, aber oft eine sehr individuelle und eigenwillige Auslegung, dazu die vielen Fußgänger, die häufig unvermittelt die Straße überqueren, ganz zu schweigen von den Ziegen und den Schafen. Die Temperatur liegt bei 35°, es ist sehr staubig. Der vorherrschende Farbton des Landes nach drei Monaten Trockenzeit ist rotbraun. An den Straßenrändern wird ganz viel Salat in für uns bisher unbekannten Mengen angeboten. Außerdem Tomaten, Bananen und Orangen. Sonst gibt es wenig an Obst und Gemüse.

Da sich Arnold einen Überblick über die im Land arbeitenden Imkergruppen verschaffen will, testen wir mehrere am Weg liegende Supermärkte. Das Warenangebot hat eindeutig zugenommen, wobei 99% oder sogar noch mehr aus Importware besteht. An einheimischen Waren finden wir nur Honiggläser von verschiedenen Imkergruppen des Landes, einige Breimischungen und rotes Palmöl.

Zum Mittagessen ist extra wegen uns ein Padre aus der Stadt gekommen, der in Italien eine deutsche Schule besucht hat und unseren Besuch zum Anlass nimmt, wieder einmal deutsch zu sprechen. Als Mitbringsel haben wir zu Hause 2 Liter Knoblauch-Zitronen-Honig-Mischung zur Reinigung der Blutgefäße produziert, was wir an alle Freunde verteilen. Da ich den gesundheitlichen Aspekt sehr stark betone, wird die tägliche Menge zwar zu sich genommen, aber die mitgebrachte Schokolade eindeutig vorgezogen!

Herrlich das afrikanische Essen mit den frittierten Fischbällchen, dem Okraschaum und den reifen Papayas!

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Der einst in Takir lebende Schäferhund ist von afrikanischen Hunden abgelöst worden, das heißt kleineren hellbraunen Hunden mit kurzen Schlappohren, weißen Pfoten, weißer Schwanzspitze und weißer Zeichnung im Gesicht. Sonst haben die afrikanischen Hunde oft juckende Geschwüre an den Ohren, auf die sich gerne die Fliegen setzen. Aber diese beiden sind ganz gesund und haben außerdem gerade 3 Junge, die andauernd miteinander kämpfen, übereinander kugeln und Fangen spielen. Zu putzig! Sie sind erst etwas vorsichtig, dann lassen sie sich aber gerne knuddeln.

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Der Gemüsegarten ist voll bewässert und in einem Topzustand. Unmassen an grünem Salat, großen langen Radicchio-blättern, Tomaten, Auberginen, 50cm langen dünnen Bohnen, Weißkraut und Karotten.

Kein Ausruhen heute, sondern gleich wieder in die Stadt, was trotz der im letzten Jahr neu asphaltierten Straße etwa eine halbe Stunde in Anspruch nimmt. In einer der vielen kleinen Querstraßen finden wir das Büro von Swissaid, der schweizerischen Entwicklungshilfeorganisation. Mit dem Repräsentanten sprechen wir über eine mögliche Kooperation verschiedener Imkergruppen bezüglich der Vermarktung von Honig. Da das Swissaidprojekt in diesem Jahr ausläuft, müsste ein Konzept erstellt werden und vielleicht in die nächste Phase miteinbezogen werden. Wir wollen im Gespräch bleiben, obwohl eine starke Tendenz zur Abschottung spürbar ist.

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In der heißen Nachmittagshitze zu Fuß ein paar Straßen weiter zu einer Organisation, in der ich im letzten Jahr eine Lehrerfortbildung über Naturmedizin abgehalten habe. Die Repräsentantin erzählt von der Begeisterung des letzten Jahres und der Anstrengung, den dortigen Schulgarten zu erweitern. Obwohl der Wunsch nach einer weiteren Fortbildung besteht, können wir uns auf keinen für beide Seiten passenden Termin einigen. Dafür besprechen wir den Zeitplan für Arnolds Vortrag über Cashew, den er in der Farmergruppe abhalten will. Die Organisation arbeitet seit 1980 in GB, hat große Cashewpflanzungen mit den Bauern angelegt, hat die Bauern in sogenannten „Farmerclubs“ organisiert und betreibt eine Landwirtschaftsschule.

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Nach diesen offiziellen Treffen besuchen wir Aba, die Hebamme, mit der wir in früheren Jahren in der Region Boé zusammengearbeitet haben. Sie hat sich von ihren gesundheitlichen Problemen im vorletzten Jahr gut erholt und ist mit ihrer momentanen Lebenssituation sehr zufrieden. Alle ihre Kinder sind versorgt und auf einem guten Weg. Die Jüngste, 24 Jahre alt, früher sehr schüchtern und zurückhaltend, ist eine selbstbewusste junge Frau geworden. Sie ist im letzten Jahr ihres Betriebswirtschaftsstudiums, das sie sich mit einem kleinen Nähatelier selbst finanziert. Ihre Abschlussarbeit will sie über den ökonomischen Beitrag der Schneider zur Volkswirtschaft schreiben. Ich bin sehr beeindruckt!

Noch schnell Geld wechseln. Der Kurs ist der gleiche wie im vergangenen Jahr, 650 CFA entsprechen 1 Euro.

21.2.2017

Ein Besuch der Universität „Jean Piaget“, benannt nach dem Schweizer Entwicklungspsychologen. Den Leiter hatte die Gruppe im vergangenen Jahr bei dem großen Meeting kennengelernt. Man kann es sich kaum vorstellen, aber diese Hauptstadt mit ihren vielleicht 500 000 Menschen und dem Land mit 1,8 Millionen Menschen verfügt über 7 Universitä-ten!!!!!!!!!!, wobei das Niveau nicht mit unseren Universitäten vergleichbar ist. Überall werden Schulen gebaut, Bildung ist sicher ganz wichtig zur Stabilisierung des Landes, aber die mittlere Ausbildungsebene wird total vernachlässigt. Was wird mit den vielen Akademikern geschehen, die alle mit Doktor angesprochen werden und meinen, in Anzug und Krawatte einen Anspruch auf ein klimatisiertes Büro, ein Auto und ein gutes Gehalt zu haben? Wer wird noch die harte Arbeit auf dem Land tun wollen? Wer wird die Bevölkerung einmal ernähren?

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Die Universität liegt am Rande von Bissau, wenn man allerdings den Bauboom betrachtet, wird sie bald von der Stadt umschlossen sein. Ein Gebäude mit einem extrem hohen Innengang, oben mit offenen Fenstern, so dass das Gebäude angenehm kühl wirkt. Es werden unterschiedliche Studiengänge von Medizin, Pädagogik, Recht, Informatik bis Ökonomie angeboten. Der Frauenanteil hat in manchen Fächern auf über 50% zugenommen. Der Leiter hat lange Zeit in diversen Laboratorien im Ausland gearbeitet und eine große Bandbreite an Untersuchungen in Bissau möglich gemacht. Er verfügt über 3 ausgestattete Laboratorien aber wenig ausgebildetes Personal. Untersuchungen, die in Bissau nicht möglich sind, lässt er über gute Verbindungen im Ausland machen. Er ist nach seinen Aussagen wohl sogar in der Lage, die Wirkstoffe

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einheimischer Heilpflanzen analysieren zu können. Sein Hobby ist die Extraktion ätherischer Öle, und er will einen Heilpflanzengarten vor der Uni anlegen. Wäre ein toller Kooperationspartner für unsere Gruppe, aber zunächst einigen wir uns erst einmal auf die mikrobiologische Analyse der Säfte und eventuell auch die Begutachtung der Honigqualität. Arzneimitteluntersuchungen auf ihren Wirkstoffgehalt hin sind alleinig Sache des Gesundheitsministeriums, und da gibt es seit 2 Jahren keine Kontinuität mehr, weil wegen der Unstimmigkeiten mit dem Präsidenten permanent die Premierminister wechseln und mit jedem neuen Premier alle Bediensteten der Ämter, angefangen vom Minister bis hinunter zu den kleinen Angestellten, ausgetauscht werden.

In Zentrum von Caritas gelingt es uns, ein nicht vorher geplantes Gespräch mit dem dortigen Leiter zu bekommen mit dem Versuch, die Gruppe besser in Caritas einzugliedern und zu mehr Unterstützung zu bewegen. Im Lager noch einige Hebammenköfferchen und viele Kartons mit den Büchern „Medicina natural in den Dörfern“. Im letzten Jahr ist nur ein Kurs damit abgehalten worden. Im Süden ist eine Gruppe interessiert, auch eine MedNat-Gruppe zu gründen. Die bestehende Gruppe wollte hinfahren und dort mit dem Buch einen Kurs abhalten, aber mangels eines gemeinsamen Termins hat das noch nicht stattgefunden. Auf dem Caritasgelände viele Bekannte, die sich freuen, uns zu sehen. Wie oft müssen wir die Begrüßungsfragen, wie es uns geht, wie die Reise war, wie es unserer Familie zu Hause geht, beantworten!

Ultrakurzes Ausruhen mittags. Der Bischof, der morgens eigentlich zu einer Konferenz in den Senegal fliegen wollte, ist immer noch da. Er ist zwar in aller Frühe zum Flughafen gefahren, aber es gab einfach keinen Flug.

Termin mit AD, der von Pepito gegründeten Organisation. Wegen eines Treffens mit der EU müssen wir warten und werden währenddessen von den Mosquitos malträtiert. Unser Solarlampenprojekt schließen wir endgültig ab, da der Bedarf nicht mehr besteht wie zu Beginn unserer Zusammenarbeit. Die Situation hat sich in vielen Dörfern und Städten total geändert. Haben wir vor 5 Jahren noch mit Pepito die erste solarbetriebene Straßenlaterne finanziert, stehen sie jetzt in sehr vielen Dörfern, sogar mit Sensor, so dass sie sich je nach Helligkeit ein- oder ausschalten.

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Eine größere chinesische Lieferung mit an die 1000 Stück. Wie sie jedoch gewartet und vom Staub der Trockenzeit befreit werden sollen, ist offen. Vielleicht wird sich das Problem mit Einsetzen der Regenzeit teilweise von selbst lösen. Die Hauptarbeitsbereiche von AD liegen weiterhin im Norden. Mit internationaler Unterstützung soll dort die Berufsschule ausgebaut werden. Unser Vorhaben, den Kindergarten in Ingoré mit einem Garten zu versehen, soll mangels Engagement der Leitung nun mit mehr Kraft in Sao Domingos verwirklicht werden. Das Schulbienenprojekt soll jetzt Anfang März anlaufen. Obwohl wir schon letztes Jahr die Kartons mit dem Material beschriftet haben, steht es immer noch in Bissau. Wie sagen die Guinienser? Paciência! Geduld! Die kubanischen Ärzte haben leider die Vorsorgeuntersuchungen in dem von uns auf der Insel Elalab finanzierten Zentrum wieder aufgehört. Nun sind die Hebammen wieder auf sich selbst gestellt.

Über die Situation im Süden bekommen wir wenige Informationen. Das Kranken-haus in Cabedu funktioniert, allerdings ist der Krankenpfleger sehr unzuverlässig und mehr in Bissau als dort. Da die Stellenbesetzung Aufgabe des Gesundheits-ministeriums ist, können wir darauf leider keinen Einfluss nehmen.

Das Haus der Frauen ist fertiggestellt worden und funktioniert auch als Treffpunkt. Leider war dieses Jahr die Zeit zu kurz, um in den Süden zu reisen. Steht schon auf dem Plan für nächstes Jahr.

In München hatten wir kurz vor unserer Reise eine Ausstellung des Architekten Kéré aus Burkina Faso gesehen. Er baut mit Lehmbausteinen sehr helle und kühle Häuser. Mit einem Architekten in Bissau, der als Gebäudeüberprüfer angestellt ist, wollen wir die Möglichkeiten vor Ort besprechen. Generell ist immer alles kein Problem, wobei ich mir da nicht so sicher bin, wenn während des Gesprächs auch permanent das Smartphone bedient wird. Von meiner Erfahrung her sind nur wenige Menschen wirklich Multitasking fähig.

In einem abgelegenen Bairro besuchen wir die junge Schneiderin von gestern. Hinter den Verkaufsständen eines Marktes hat sie einen kleinen Raum, in dem ein junger Mann unablässig mit einer Stickmaschine rattert. Als neue Ideen habe ich Knöpfe geschnitzt aus Avocadokernen und die Möglichkeit, Kronenkorken mittels Stoffumnähung in Topfuntersetzer umzu-wandeln. Sie ist ganz begeistert und will statt der Untersetzer Taschen produzieren. Super!

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Der junge Mann, den wir in seinem Studium unterstützt haben, hat geheiratet. Letztes Jahr hat das Paar sein erstes Kind „Sonia“ bekommen. Klar, dass wir sie besuchen müssen. Die Kleine sieht sehr putzig aus in ihren kleinen Plastiksandalen. Sie muss auch sonst sehr lebhaft sein, will aber von ihren weißen „Großeltern“ nichts wissen, obwohl wir uns redlich bemühen.

Zurück und kurz duschen. Danach sind wir zum Abendessen von Freunden aus den alten Zeiten eingeladen. Die beiden haben in den 70er Jahren in der ehemaligen DDR studiert, dann lange in Holland gelebt und sind jetzt für den Ruhestand wieder nach Bissau zurückgekommen. Sie erzählen von dem Kulturschock, als sie damals zum Studium gereist sind und schwärmen immer noch von Bockwurst und Rippchen, dem damals für sie erschwinglichen Essen.

Unser Freund will jetzt versuchen, die Geschichte des Landes etwas aufzuarbeiten und zu bewahren, seine Frau will mit anderen Frauen zusammen Recyclingprodukte herstellen. Jetzt habe ich meine Modelle natürlich nicht dabei, man müsste immer alles mitschleifen, aber klar kommen sie zu meinem Diabetesvortrag. Oje, ich darf noch gar nicht daran denken!

In Takir bereiten wir noch einen Artemisiatee zur Malariaprophylaxe, die Koffer umpacken, damit wir alles für die Reise und die Gruppen, die wir treffen wollen dabei haben, der Generator geht aus, und wir sinken ins Bett.

22.2.2017

Morgens ist es angenehm frisch und kühl. Die Hundebande fordert uns zum Spielen auf. Dino holt uns mit einem Freund in dessen alten Mercedes ab. Die Straße nach Bissora hat gelitten und wäre eigentlich schon wieder reparaturbedürftig. Trotz fehlender Belastung durch Eis und Schnee werden die Straßen wegen des nur geringen Asphaltbelages sehr schnell wieder schadhaft, was ein vorsichtiges Fahren erfordert. Vor den Häusern blüht der Moringabaum, der Duft der Cashewblüten dringt herein, der Parkiabaum lässt seine roten Kugelblüten im Wind baumeln. Unglaublich, welche Blütenbündel die Natur immer hervorbringt, damit irgendwann einmal 2 oder 3 Samen zur weiteren Fort-pflanzung entstehen. Die Bienen werden in den nächsten Monaten genug Nektar und Pollen finden. Man sieht wenige, weil sie vor allem früh morgens gegen 6 Uhr unterwegs sind.

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Das Bienenprojekt hat in jedem der 10 Dörfer eine normale Holzbeute und eine Zementbeute verteilt, wobei von dem neuen Typ nur 1 bezogen worden ist. Das Verhalten der Bienen in Afrika ist ein ganz anderes als bei uns. Sie sind eher Nomaden, die aus uns unersichtlichen Gründen plötzlich aus ihrem Kasten ausziehen, sich eine andere Behausung suchen und nur eventuell wieder zurückkommen. Also nicht die standortfesten Völker wie bei uns. Im vergangenen Jahr sind 360 Liter Honig geerntet worden, wobei die Waben mit dem jeweiligen Imker schonend entnommen, ins Zentrum gebracht und dort gefiltert wurden. Der Imker selbst bekommt 1200 CFA pro kg, verkauft wird der Honig im Dorf für 2000 CFA, an die Geschäfte in der Stadt für 2500 CFA, was etwa 3,70 Euro entspricht. Da es schon einige Bienenprojekte in anderen Landesteilen gibt, ist es nicht einfach für diese kleine Kooperative, sich ihren Platz auf dem Markt zu schaffen. Die Vermarktung ließe sich mit einem größeren Zusammenschluss sicher vereinfachen, wenn denn die anderen dafür offen wären. Nachmittags über eine furchtbar ausgewaschene Staubstraße durch eine lange Allee mächtiger afrikanischer Mahagonybäume in ein Dorf mit dem vielversprechenden Namen „California“.

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Bei der Aktion ziehe ich mir einige blaue Flecken durch unvorhergesehene Begegnungen meines Kopfes mit dem Autodach zu. In California, das wie eine Ansammlung von Einzelgehöften wirkt und gar nicht wie ein Dorf, leben 400 Familien. Der Imker, den wir besuchen hat eine Zementbeute aufgestellt, die aber nicht von Bienen sondern von Termiten besiedelt ist. In einem großen, duftenden Cashewhain treffen wir auf einen anderen Imker, der die traditionellen Graskörbe flicht.

Kleiner grüner Gemüsegarten mit einer Kletterbohne mit über-dimensional großen rosa Kernen. Sie ist überall unter dem Namen „Fanta“ bekannt.

Auf dem Rückweg schauen wir in dem Dorf Plassar vorbei. Ein Gemüsegartenprojekt, mit einem von Caritas finanzierten Brunnen. Herrlich grün mit einer Unzahl von Salat-, Zwiebel-, Paprika-, Tomaten- und sogar Karotten-beeten. Ein Bekannter, ganz dünn und schmal, erzählt von seinem erwachsenen Sohn, der wegen einer psychischen Erkrankung arbeitsunfähig ist. Bei uns schon nicht einfach zu therapieren, aber hier gibt es überhaupt keine Möglichkeiten, es gibt weder Psychologen noch Psychiater. In Bissora noch schnell bei den Schwestern vorbeischauen und ein Gespräch über den Fortgang des Bienenprojektes bei Brot, Bananen und Guavasaft im Dunkeln. Wir haben Glück, die Diskothek neben unserem Schlafzimmer hat heute Ruhetag.

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23.2.2017

Das mit dem Frühstück wird nichts. Mit einer brasilianischen Schwester fahre ich nach N´Dam zu einer Schule, wo Tabanka in den letzten Monaten Renovierungsmaßnahmen finanziert hat. Die Kinder sind dabei, mit den kleinen traditionellen Besen aus einer speziellen Binsenart den Schulhof, umgeben von großen Mangobäumen, zu fegen. Die Kindergartenkinder singen ein Lied für uns. Die Schulleiterin, eine junge engagierte Frau, führt uns durch die Klassenräume und zeigt uns die Ausbesserungen. Das Dach ist wieder dicht und die dicken Risse im Zementboden verschwunden. Die Schule wird von 360 Kindern aus bis zu 9km entfernt liegenden Dörfern besucht. Der Schulgarten wurde im letzten Jahr etwas vernachlässigt, soll aber mit der Regenzeit wieder betrieben werden.

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Die Lehrer sind Gymnasiumabgänger der 12. Klasse, die eine minimalpädagogische Ausbildung erhalten haben und selbst daran arbeiten, einen Studienplatz in Bissau zu bekommen. Schwierig, dieser Sog nach der Hauptstadt. Sie sind von unserem mitgebrachten Büchlein über 2 Frösche, die aufzeigen sollen, dass die Weltsicht immer vom Standpunkt abhängt, begeistert und wollen es als Schullektüre verwenden. Arnold hat inzwischen bei einer Gruppe von Ausbildern im landwirtschaftlichen Bereich einen Vortrag über die Cashweproduktion begonnen. Guinea-Bissau ist ein Land, das zu 90% vom Cashewexport abhängt. Da der Anbau relativ einfach ist (wenn der Baum einmal Früchte trägt, braucht er das Jahr über keine weiteren Pflegemaßnahmen mehr) wollen in Zukunft viele anderen Länder in Afrika, Asien und Lateinamerika in großem Stil einsteigen. Ein starker Preisverfall ist zu befürchten, GB kann den Anbau kaum weiter ausdehnen, die ersten Plantagen sind schon sehr alt und gehen im Ertrag zurück, und auf den Böden kann man jahrelang nichts mehr anbauen. Gibt es Alternativen? Sollte man nicht mehr auf den Reisanbau zur Ernährungssicherung setzen? Keine Antworten, aber eine sehr engagierte Diskussion.

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Weiterfahrt in den Osten des Landes. Vor Bafata schon das Grün der Reisanzuchtfelder für die bewässerten Felder. Irma Maria hatte uns Brote mit Ei (italienische Frittata) gerichtet, die wir auf der Veranda des Gästehauses des Bischofs von Bafata verspeisen. Er selbst ist doch irgendwie mit Verspätung in den Senegal gekommen. Mit Hilfe der Verantwortlichen versuchen wir das Malariaprophylaxe-Projekt der beiden „Casas das maes“ auszuwerten. Letztes Jahr im Mai war begonnen worden, eine Mischung aus der Pflanze Djanderé und rotem Palmöl herzustellen und den Frauen der beiden Häuser täglich zu verabreichen. Obwohl Laborkontrollen zwischendurch wegen eines Ärztestreikes nicht möglich waren, ist das Ergebnis positiv: es sind keine schweren Malariafälle, die eine Krankenhausbehandlung erfordert hätten, mehr aufgetreten, und wenn, dann nur leichte Fälle. Auch bei den Neugeborenen gab es keine Probleme mit Fieber mehr. Auch der rote Blutfarbstoff hat sich mit der Behandlung erhöht. Die wenigsten Frauen haben bei Aufnahme ein Hämoglobin von mehr als 8 g/dL (Normwert für Frauen: 12-16). Wir vereinbaren, das Projekt in den beiden Häusern weiterzuführen und noch auf 4-8 Dörfer auszudehnen, vorausgesetzt die MedNat Gruppe in Contubuel hat die Möglichkeit, genügend Pulver herzustellen. Der Projektname „Djandi“ klingt doch ganz witzig.

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Bafata ist eine Stadt am Hang zum Fluss Geba hinunter gelegen. Hier sieht man das alte koloniale Erbe noch sehr deutlich. Eine breite Avenida hinunter zum Fluss, die große Kathedrale, alte, früher sicher einmal sehr schöne Häuser mit Balkonen, um die abendliche Kühle des Flusses zu genießen, aber alles sehr verfallen. Auch hier am Fluss wieder eine große Gartenlandschaft, wo am Abend eifrig gegossen wird.

24.2.2017

Es geht weiter nach Osten mit Padre Alberto, einem Radioreporter und 3 jungen Männern, die alle aus der Region Boé stammen und aus Eigeninitiative eine NGO gebildet haben, um ihrer Region zu helfen. Sie hatten schon ein paar Mal ein Auto gemietet und dort kostenlose Sprechstunden, täglich mit über 100 Patienten abgehalten. Boé ist die östlichste Region von Guiné-Bissau, die Region, in der 1973 die Unabhängigkeit ausgerufen worden ist, sehr trocken, sehr heiß, ein bisschen hügelig, schwach besiedelt.. Die Böden sind sehr ausgelaugt, und nur in Flussnähe ist eine landwirtschaftliche Nutzung möglich.

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Ein breiter Fluss bildet die natürliche Grenze zum Rest des Landes und ist auch das größte Hindernis für eine stärkere Anbindung. Das bekommen auch wir zu spüren. Die kleine deutsche Fähre aus den 90er Jahren, die maximal 2 Autos aufnehmen kann, funktioniert zwar noch, aber der Motor ist schon seit Monaten defekt. Für diesen Fall gibt es ein Team von 7Männern, die herbeieilen und uns an einem Führungsseil über den Fluss ziehen! Jetzt in der Trockenzeit geht das, aber in den 5-6 Monaten Regenzeit, wenn der Pegelstand 2 Meter höher und der Fluss reißend sein wird, ist der Betrieb völlig unmöglich. Eine Flussüberquerung wird dann höchstens unter großen Gefahren mit einem Einbaum möglich sein.

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Welch ein Hindernis für den Handel und auch für Kranke und Notfälle! Die Landschaft in der Region: hügelig, die Flussläufe mit Palmen bestanden, Graslandschaften mit übermannshohem ausgedörrtem Gras, Steinwüsten mit pilzförmigen Termitenhügeln übersät, die meisten Laubbäume noch ohne Blätter, einzelne wie der Parkiabaum oder der afrikanische Mahagony schon mit frischem Grün, Mangobäume in den Dörfern, vereinzelt kleine Cashew-Anpflanzungen, auch hier. Unser Ziel ist es, 2 Dörfer zu besuchen, für die wir vor 6Jahren Reisschälmaschinen finanziert haben und um die die neugebildete NGO „Söhne von Boé“ größere Häuschen zum Schutz der Maschinen aber auch mit einem Lagerraum für den Reis gebaut hat. In Limbi-Lucum ein weißes, frischgestrichenes Häuschen, die Frauen tanzen uns zu Ehren. Es wird ein Kreis gebildet, eine Trommel gibt den Takt vor, alle Frauen klatschen und singen und immer eine Frau tanzt in die Mitte und bewegt sich mit sehr schnellen und kraftvollen kleinen Schritten, in der Hüfte nach vorn gebeugt, bis sie von einer anderen abgelöst wird. Auch die kleinen Mädchen haben sich das schon gut abgeschaut. Dann kommen die Autoritäten des Dorfes und unter dem großen Mangobaum werden Reden in Fula mit Übersetzung in Criolo gehalten.

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Für uns Weiße werden die in Afrika uniformen, stapelbaren Plastikstühle aufgestellt.

Auf der Fahrt im Landcruiser hatte ich mich irgendwie am Bein verletzt und einen Blutfleck auf der Hose. Eine junge Frau meinte, das müsste geändert werden. In dem nur von Bambus umgebenen „Badezimmer“ hat sie ihn dann mit Wasser und Seife rausgerubbelt und mir freudestrahlend erzählt, dass sie in Bissau operiert worden ist. Sie hatte ihr erstes Kind bekommen, aber da sie im Becken sehr schmal ist, kam es zum Geburtsstillstand.

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Niemand im Dorf konnte ihr helfen, so ist ihr Kind leider gestorben und sie hat eine Blasen-Scheiden-Fistel davongetragen, mit der Folge, den Urin nicht mehr kontrollieren zu können und von den anderen ausgegrenzt zu werden. Das Schlimme ist, dass auch noch der Frau die Schuld gegeben wird und ihr unterstellt wird, dass das nur passiert ist, weil sie während der Schwangerschaft fremdgegangen sei! Der junge Kollege, der uns begleitet, hat sie operiert. Unter den schwierigen Bedingungen in diesem Land ist das keine einfache Operation! Sie ist unglaublich glücklich. Hat jedoch auch ein Verhütungsmittel eingesetzt bekommen, um im nächsten Jahr auf keinen Fall schwanger zu werden. Derselbe Kollege ist jetzt zu einem kranken Kind gerufen worden und bittet mich einen Blick darauf zu werfen. Ein 8 Jahre alter Junge, sehr schwach, der Körper völlig angeschwollen liegt in einem dunklen Raum auf einer Matratze am Boden. Seit 4 Monaten ist er krank und kann nichts mehr essen, aber seine Eltern haben keine finanziellen Mittel, ihn zu einem Arzt zu bringen. Er sieht nach einem Nierenversagen aus, das wir aber vor Ort in keinster Weise behandeln können. Wir geben dem Vater eine finanzielle Unterstützung. Im Nachhinein erfahren wir, dass er am nächsten Tag sofort ein Moped organisiert, den schwerkranken Jungen zwischen sich und Fahrer geklemmt hat und sie dann die 4 Stunden schlechtester Straße nach Gabu und von dort nochmals mehr als 4 Stunden mit einem überfüllten Wagen nach Bissau gefahren sind. Dem Jungen geht es etwas besser, er bekommt Medikamente, aber nachdem AIDS festgestellt wurde, ist seine Prognose mehr als unsicher.

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In dem Dorf bekommen wir noch Kontakt zu dem „Curandeiro“, dem traditionellen Heiler, der uns in sein Haus führt und aus einem großen Sack, seiner Apotheke, Tütchen mit Blättern und Wurzeln hervorzaubert. Er sagt uns zwar, bei welchen Krankheiten er die Arzneimittel einsetzt, aber nicht wie die Pflanzen heißen. Ein Stückchen einer getrockneten Wurzel probieren wir, es ist sehr bitter. Da es schon später Nachmittag ist, wird es zu spät, noch auf das Mittagessen zu warten. Daraufhin wird es uns kurzerhand in Form 2er Hühner und eines Gockels (lebend!) ins Auto gepackt.

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Der Ernährungszustand von Kindern wird mittels des Oberarmumfangs gemessen. Wenn das auf Hühner übertragen würde und deren Beinumfang zu dem als Maß an Zufriedenheit in Relation setzen würde, dann wäre das Dorf in allerhöchstem Maße mit uns zufrieden, meint Padre Alberto. Wieder auf die Lateritpiste. Wir kommen wieder zu einer steinigen Ebene mit den pilzförmigen Termitenhaufen. Nur dieses Mal sitzt auf jedem Pilz ein Affe. Sieht wie eine größere Versammlung aus. Mindestens 30 Exemplare. Wahrscheinlich gibt es etwas Wichtiges zu regeln.

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Unsere afrikanischen Mitfahrer vertreiben sich die Fahrt mit endlosen Gesprächen. Stundenlang. Ein Phänomen! An unserem Zielort Beli ein kurzes Essen, das Frühstück, Mittagessen und eigentlich fast schon Abendessen in einem ist. Auch hier ist ein Häuschen über der Reisschälmaschine errichtet worden, und auch hier tanzen die Frauen. Da ihnen das mühsame Stampfen abgenommen worden ist, haben sie Zeit für andere Dinge und haben sehr schöne große Gemüsegärten angelegt. Gut eingezäunt gegen die Ziegen, schöne Beete, in denen wieder sehr viel Salat, Zwiebeln, Peperoni……wachsen. Insgesamt gibt es in diesem Dorf 7 Gärten zu je 15 Frauen.

Ein großes Problem ist die Bewässerung. Sie haben nur Wasserlöcher, die mit zunehmender Trockenzeit langsam austrocknen. Wir versprechen, zusammen mit der Gruppe „Filhos de Boé“, für einen Brunnen zu sorgen. Wie läuft die Vermarktung bei der Unzulänglichkeit der Anbindung an das restliche Land? Das meiste geht in das Nachbarland Guinea-Conakry, die Grenze ist ganz nahe. Die Anbindung ist so stark, dass hier in beiden Währungen bezahlt werden kann.

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Noch ein kurzer Besuch im Gesundheitszentrum, sie haben vor kurzem sogar eine einsatzfähige Ambulanz bekommen, ein Gebrauchtauto, ich habe vergessen aus welcher deutschen Stadt. Zu unsere großen Verwunderung gibt es auch hier die Solarstraßenlampen in großer Anzahl, die ins Nirgendwo führen. Sie sind extra zu dem Besuch des Premierministers aufgestellt worden. Wir beziehen eines der Rundhäuser. 2 Bettgestelle ohne Rost werden rausgeräumt, von irgendwoher zwei Matratzen gebracht und auf den Boden gelegt.

Ich bin ganz froh, dass es ein Leintuch dazu gibt. Einer der Mitreisenden fragt mich ganz ernsthaft, ob es denn hier kein Hotel mit fließendem Wasser gibt. Nein, gibt es nicht, aber einen großen Bottich mit frischem Wasser, das man sich mit einer Tasse über den Kopf kippen kann. Für eine Erfrischung völlig ausreichend.


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Abendliche Runde vor dem Haus, es kommen Besucher, einem gefällt meine einzige Brille sehr gut, die Stärke wäre auch okay…….ich muss aufpassen, dass er sie dalässt. Boé ist die Erde Padre Albertos. Hier ist er in den 70er Jahren zu Fuß von Dorf zu Dorf gezogen und hat eine basismedizinische Versorgung aufgebaut. Manche alten Männer, die er auf der Reise trifft, schauen ihn ganz ungläubig an und sagen mit guiniensischer Direktheit: „Bist das wirklich Du, Alberto? Bist du noch nicht gestorben?“

Spät in der Dunkelheit gibt es die Hühner mit Reis, die Gruppe stellt sich offiziell vor und jeder von uns bekommt ein T-Shirt mit ihrem Emblem. Dann wird der Generator ausgeschaltet und wir haben einen unglaublichen Sternenhimmel über uns. Die wenigen Sternenbilder, die wir kennen, sehen hier ganz anders aus, Der große Wagen steht auf seiner Schmalseite, Orion ist verdreht und die schmale Sichel des zunehmenden Mondes liegt auf dem Rücken.

Plötzlich weiß ich auch, was mir die ganze Zeit fehlt: der Urton Afrikas, das dumpfe Stampfen, wenn der Stößel in den Holzmörser geschlagen wird, um die Spelzen vom Reiskorn zu trennen. Mit den Schälmaschinen gibt es ihn nun nicht mehr.

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25.2.2017

Das Frühstück und das Packen ziehen sich hin, eigentlich wollen wir nicht in der großen Hitze fahren – in Boé 40°. Wir fahren den gestrigen Weg wieder zurück. Nach der Fähre ein breiter Korridor beidseits des Weges, in dem jetzt Djanderé ihre großen gelben Blüten zeigt. In Gabu, der wuseligen Provinzhauptstadt beziehen wir jetzt wirklich ein Hotel, aber von sehr bescheidenem Standard. Gegen Abend besuchen wir das große von der EU finanzierte Imkerprojekt.

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Der Chef ist extra wegen uns aus der Nachbarstadt angereist, noch dazu an einem Samstag! Er nimmt sich sehr viel Zeit, uns alles zu zeigen. Jetzt mit Projektende haben sie auch ihre Probleme mit der Vermarktung. Es wird zunehmend dunkel, es gibt kein Licht und die Mosquitos saugen uns fast aus.

Arnold will ein Stückchen der Djanderéwurzel mitnehmen. Trotz der komplett islamischen Bevölkerung gelingt es uns, dafür Alkohol zu besorgen. Die Straßen sind teilweise gesperrt, es ist Karneval. Fasching ist in GB sehr wichtig. Es werden Umzüge veranstaltet, große Masken und sogar Wagen fabriziert und die einzelnen Stadtteile treten im Wettstreit gegeneinander an. Fast ein bisschen wie Klein-Rio.

Dann noch einen Fisch in einem kleinen Restaurant und wir sinken wieder einmal erschöpft ins Bett.

26.2.2017

Vor dem Frühstück hinunter in die Bolanha. Auf den Feldern sind ganz viele Wasserlöcher gebohrt worden, überall sieht man ganz uniforme Bohrkegel, die allerdings nur ganz wenig Wasser beinhalten. Auf einzelnen Feldern stehen schon ein paar kleine Pflänzchen. Die Sonne geht hinter einem Dunstschleier auf. Es ist noch angenehm kühl.

Arnolds Geburtstag, eine Freiwillige aus Bangladesch hat für Arnold einen Kuchen gebacken, für ihn Luftballons aufgehängt und schenkt ihm ein „Pano“, ein großes Stück Stoff. Wir beeilen uns, um rechtzeitig zur Messe in Contubuel zu sein. Lange Mahagonyallee, große bewässerte Reisfelder, die schon bearbeitet werden und endlose Zwiebelfelder.

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In der Kirche ein Chor mit Trommelbegleitung, ein Padre, der es nicht lassen kann, auch in der Kirche seine Witze zu reißen und ein kleines Kind, das auf meinen Arm kommt und sich wiegen lässt. In Contubuel arbeitet eine Hälfte der MedNat Gruppe. Sie stellen vor allem Djanderé- und Moringapulver und 3 Heilsäfte her.

Voller Stolz überreichen sie mir ihre Geschenke: einen Korb mit Zwiebeln, eine Tasche voll mit Djanderépulver, eine andere mit Moringapulver, ihren Säften und den Heilpflanzenbonbons, deren Herstellung ich ihnen letztes Jahr gezeigt habe. Ihre Ingwerbonbons sind seitdem sehr beliebt. Nur in der Regenzeit ist die Produktion schwierig, da wegen der Feuchtigkeit der Zucker verklebt. Sie brauchen auf jeden Fall mehr Förmchen.

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Der junge Mann, der für das Graben zuständig ist, fährt mit uns in den Wald, um für uns mehrere Stücke der Wurzel auszugraben. Er hat 3 verschiedene, weit auseinanderliegende Regionen, in denen er gräbt. Er ist total entsetzt, als der Wald, in den er uns führen will, abgebrannt ist. Ein großes Gebiet ist schwarz verkohlt, selbst naheliegende Cashewplantagen hat es erwischt. Eigentlich könnte man hier jetzt die Blüten sehen, so aber sehe ich gar nicht, wo sich eine Wurzel in der Erde befinden könnte, der junge Mann hingegen schon. Zielsicher fängt er an zu buddeln. Es ist eine schwere Arbeit, der Boden ist hart, die Wurzel geht senkrecht nach unten und es ist gnadenlos heiß. Man hat das Gefühl, der Boden strahlt noch die Hitze des Brandes aus. Warum wird Feuer gelegt?

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Ist es nur, um andere zu ärgern und ihnen einen Streich zu spielen, wie man vermutet, oder steckt mehr dahinter? Zur Bewahrung dieser wertvollen Heilpflanze hat die Gruppe schon beschlossen, ein Gebiet zum Schutz einzuzäunen.

Bei den brasilianischen Schwestern in Contubuel ein lautstarkes, fröhliches Mittagessen, der Padre ist auch dabei, und Arnold bekommt seinen 2.Geburtstagskuchen, ganz saftig mit Maniokmehl gebacken.

Da das Auto der Schwestern kaputt ist, nehmen wir sie nach Nhabijon zur MedNat-Fortbildung mit, unser Auto ist voll bis oben hin. Das im letzten Jahr begonnene Djanderé Anpflanzungsprojekt ist leider fehlgeschlagen. Die Pflänzchen sind erst angewachsen, dann aber eingegangen. Wir müssen noch einen Versuch starten und ein paar Parameter verändern. Aber Artemisia wächst! Eine Unzahl von Samen sind ausgesät und die Pflanzen teilweise schon an ihren Standort versetzt worden. Ich hoffe wirklich, dass es dieses Mal mit der Stecklingsbildung klappt. Fehlschläge entstanden in den vergangenen Jahren durch die fehlende Bewässerung am Wochenende. Wir haben nochmals intensiv über die Problemlösung gesprochen. In Deutschland wird ein kg Artemisiatee für 250 Euro verkauft, das macht Eindruck.

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Der Gemüsegarten ist gut bestückt, der Heilpflanzengarten im Trockenheitszustand, aber nicht so sehr gepflegt. Mein Vorschlag, den Garten nach Nloré zu verlegen, wird aber abgelehnt, man kann ein paar Pflanzen abgeben, aber ihn ansonsten behalten. Etwas, das man vorzeigen kann!

Nach und nach kommen die anderen Gruppenteilnehmer an. Welch eine Freude, alle wiederzusehen! Und 4 kleine halbverhungerte Kätzchen gibt es, die die Katzenmutter bei plötzlich so vielen Leuten irgendwohin in Sicherheit bringt.

27.2.2017

Und los geht es in der Morgenkühle! Die Gruppe war im letzten Jahr sehr aktiv, hat unter anderem an der Konferenz über traditionelle Medizin teilgenommen, eine Fortbildung in Naturmedizin für die evangelische Kirche abgehalten, Kontakt mit 2 Universitäten bekommen, die nach Wegen der Zusammenarbeit suchen, und hat ihre Produktion im letzten Jahr nochmals gesteigert. 16 Mal wurden in mehrtägigen Phasen über 5000 Fläschchen an Heilpflanzensirups hergestellt, dazu diverse Cremes, Teemischungen, Pflanzenpulver… .Ein Ergebnis, das sich sehen lassen kann!

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Die Abrechnung müsste allerdings noch verbessert und bei der steigenden Nachfrage der Kreis der Produzenten vergrößert werden. Aber es ist nicht so einfach, engagierte und verantwortungsvolle Leute zu finden. Die Jungen wollen nicht so recht oder suchen nur das schnelle Geld. Oft hatte man schon geglaubt, einen Interessenten gefunden zu haben, der aber kurz darauf wieder abgesprungen ist. Die Gruppe legt allerdings auch sehr strenge Maßstäbe an und meint, den Weg, wie sie sich hochgearbeitet haben, müsste auch ein Neuer gehen. Große Hoffnung wird auf das Interesse einer neuen Gruppe aus dem Süden gesetzt, die sich auch der Naturmedizin zuwenden will. Außerdem versuchen wir feste Gruppenstrukturen zu erstellen und die Verantwortlichkeiten zu verteilen. Es werden Verantwortliche für Produktion, Verkauf, Transport und Kassenprüfung gewählt. Da die italienische Freiwillige nach 6 Jahren Ende diesen Jahres GB verlassen wird, muss man sich nach einem Koordinator umsehen, einen Buchhalter haben wir schon im Auge. Die Gruppe hätte am liebsten wieder einen Weißen, der ein Auto und gute Beziehungen nach Europa hätte, aber irgendwann ist es ja auch Zeit, die Projekte zu übergeben. Wenn da nicht das Misstrauen in die eigenen Leute wäre. Zu dieser Diskussion ist extra der Chef von Caritas aus Bissau gekommen. Allerdings muss er mittags schon wieder zurückfahren, da Rosenmontag ist und wegen des Karnevalsumzugs die Einfallsstraße vom Flughafen geschlossen wird. Insgesamt ein zäher Prozess mit langem afrikanischen Palaver und zwischendurch kommt der Einwand: „mach es kurz und fang nicht wieder bei der Schöpfungsgeschichte an!“

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Am Abend noch ein Spaziergang zu den Reisfeldern, Duft von Cashewblüten, Stimmen von weit weg, zunehmende Dunkelheit. So ganz wissen wir nicht mehr, wo wir eigentlich sind. Da treffen wir einen Palmweinzapfer, der mit uns wieder ins Dorf geht. Abendessen auf dem überdachten Platz. Die Hunde und auch die Katzenmutter finden sich immer pünktlich ein, um einen Knochen oder ein paar Gräten zu erschnappen. Arnold hält noch seinen Cashewvortrag und wir setzen uns mit dem Italiener zusammen, der früher jahrzehntelang für eine Pharmafirma die aktiven Substanzen von Pflanzen extrahiert hat. Es fällt ihm sehr schwer zu begreifen, dass wir in GB noch Jahrzehnte bis Jahrhunderte von einem solchen Vorhaben entfernt sind. Gegen 23 Uhr sind wir alle so erschöpft, dass wir die Diskussion abbrechen, der Italiener aber noch lange weiterarbeitet und uns am anderen Morgen seine Ausarbeitungen präsentiert.

28.2.2017

Zwischendurch immer wieder Kranke, die versorgt werden wollen oder einen Rat bzw. Medikamente brauchen. Ein neuer Diskussionspunkt ist die Beengtheit und die mangelnde Belüftung der Apotheke in Mansoa. Zur Diskussion stehen ein Neubau in Bissau, ein Umbau in Nloré, der alten Missionsstation, oder eine Verbesserung der Situation in Mansoa. Letztendlich einigen wir uns auf einen Neubau in Mansoa. Die Gruppe wird sich nach einem Grundstück umschauen. In Bissau wollen wir versuchen, von Caritas einen größeren Raum für die Sprechstunde zu bekommen. Alles wichtige, zeitaufwendige Diskussionen. Endlich kommen wir zu unserem Diabetesthema. Ich habe versucht, es ganz einfach und logisch aufzubauen (auch fast bei der „Genesis“ angefangen), um den Behandlungs-weg, der zu allererst in der Änderung der Lebensgewohnheiten liegt, aufzuzeigen.

Was die Heilpflanzen anbelangt, ist Moringa eine der wichtigsten zur Diabetes-behandlung. Ein Freund Padre Albertos will noch eine Studie dazu machen. Ich habe Stix zur Harnzuckermessung mitgebracht und auch ein Blutdruckmessgerät, so dass die Gruppe auch präventiv tätig sein kann. Sofort wird geplant, wieder einmal einen Aktionstag in Bissau und auch Mansoa zu machen und diese Diagnostik-möglichkeiten mit einzuschließen.

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Nachmittags bei der Evaluierung der neuen Produktionstechniken, die ich letztes Jahr eingeführt hatte, wird deutlich, dass in einigen Bereichen versucht worden ist, wieder auf das Alte, Bekannte auszuweichen. Die Kontrolle in diesem Bereich muss erhöht werden und es werden zu den jeweiligen Produktionen Vordrucke mit den genauen Mengen- und Zeitangaben auszufüllen sein!

Abends zeigt Arnold 2 Filme über das Moringaprojekt auf Teneriffa und ich versuche, meinen Diabetesvortrag „upzugraden“. Glücklicherweise hat mir der Italiener, der heute schon heimfliegt, geschätzte 10 kg ausgedruckte Studien dagelassen. Die meisten über die Wirkung von Artemisia, aber auch etwa 15 über Moringa. Die werde ich durcharbeiten und in meinen Vortrag einbauen. Studien sind immer gut und erhöhen den Grad der Wissenschftlichkeit!

1.3.2017

Die Contubuelgruppe fährt schon ab, da sie rechtzeitig zum Ascher-mittwochsgottesdienst zu Hause sein muss. Das Aschenkreuz ist hier im kirchlichen Rahmen von größter Wichtigkeit. Man verabschiedet sich und wünscht sich gegenseitig eine gute Fastenzeit! Mit dem Rest der Gruppe fahren wir nach Nloré. Unterwegs haben wir noch eine Begegnung mit einer Ziege, wobei das Schutzblech des Vorderrades halb abgerissen wird, die Ziege aber aufsteht und weiterläuft.

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In Nloré ist seit letztem Jahr, nachdem die ersten Saatbeete von Ziegen kahl- gefressen worden waren, ein großes Stück Garten eingezäunt worden, und da stehen jetzt kräftige Pflanzen von Moringa, Mahagony, Noni……Die Bananenpflanzung wird herausgerissen und dort die Pflanzen an ihren Standort gepflanzt werden. Weiter oben im Gelände gibt es noch einen freien Platz, wohin wir uns auch ausdehnen könnten. Leider können wir das nicht mit dem Bischof, der gerade in ein anderes afrikanisches Land gereist ist, besprechen. In der Nähe befände sich auch das ehemalige Küchenhaus der Padres, das sich zum Trocknen der Pflanzen gut eignen würde. Es müsste nur gesäubert und mit Mosquitonetzen versehen werden. Unter dem Dachfirst hat eine Schlange ihre Haut zurückgelassen. Ob das wohl ein gutes Zeichen ist?

Letztes Jahr hatte mir die Gruppe versprochen, die Apotheke in Mansoa bis April in Ordnung zu bekommen. Ende letzten Jahres dann plötzlich große Hektik: „die Doutora kommt!…………“. Und jetzt steht die Apotheke wirklich gut da. Die Mosquitonetzte sind ausgebessert, innen gestrichen, aufgeräumt, sauber, ein neuer Ofen mit Rauchabzug nach außen ist gebaut worden, das Küchenhaus außen mit grüner Ölfarbe gestrichen………Ich bin sehr zufrieden. Ein bisschen Angst vor Autorität ist doch gar nicht schlecht!

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Ein Gruppenmitglied wohnt an der Straße nach Bissau. Schnell soll ich mir noch seine Frau anschauen und etwas für ihre Rückenschmerzen herbeizaubern. Als ich mich von ihm mit den Worten „bis bald, Chef de produção (dazu ist er gewählt worden)“ verabschiede, antwortet er: „hm, chefe de produção, eher chef de problemas“. Hat er sicher Recht, Probleme gibt es immer zu lösen.

In Bissau verzichte ich auf das Aschenkreuz und versenke mich in meine Vorbereitungen des kommenden Tages, für den noch so viele Programmpunkte übriggeblieben sind.

2.3.2017

Der Tag der Diabeteskonferenz. Ich kleide mich „standesgemäß“ in das letzte saubere Gewand, das mir noch verblieben ist. Vor dem Eingang verstreut ein großer Kapokbaum die Wolle seiner Samenkapseln. Nach und nach finden sich etwa 15 Personen ein. Als wir nach einer halben Stunde nachfragen, wo denn der Organisator bleibt, stellt sich heraus, dass er verreist ist.

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Er hat zwar einen Vertreter ernannt, der aber von nichts eine Ahnung hat und sich deshalb bisher auch zurückgehalten hat. Aber dann läuft alles ganz gut, die Teilnehmer sind interessiert bei der Sache, gute Diskussionsbeiträge, 2 ½ Stunden, ohne dass einer schläft. Es sind Vertreter der Diabetesgesellschaft dabei, die erzählen mit welchen Schwierigkeiten sie von Haus zu Haus gehen, um über Diabetes aufzuklären, bzw. Diabeteskranke frühzeitig zu erfassen. Ich glaube, es hat allen Teilnehmern gut getan, am runden Tisch miteinander zu sprechen, ich hoffe, es wird in dieser oder anderer Form weitergeführt. Um dem Ganzen den Anschein der Professionalität zu geben, habe ich nicht in Criolo sondern Portugiesisch gesprochen und in der Sprache bin ich mir nicht so 100%ig sicher, aber ich bin ganz stolz, wie cool ich das gemacht habe.

Kennenlernen und Mittagessen mit Eneida Marta, der guiniensischen Sängerin, die dieses Jahr als erste Vertreterin Guinea-Bissaus auf dem Afrikafestival in Würzburg auftreten wird. Im Anschluss Interview mit Radio SolMansi über Ernährung, Diabetes…. Hinterher erfahre ich, dass die Sendung in den nächsten 3 Tagen laufend wiederholt werden wird. Vielleicht gelingt es uns auch, über die Reporter einen eingängigen Song über die Medicina natural zu schaffen, bereit dazu sind sie, mal sehen. Mit Ivone fahren wir zur ihrer Nähgruppe.

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Ivone hat auf Grund ihrer Behinderung ein kleines dreirädriges Gefährt mit Ladefläche, wie man es im Süden Europas kennt, zur Verfügung. Sie hat für uns 2 Kissen hinten draufgelegt und so fahren wir etwas wacklig, aber doch sehr forsch mit flatternden Haaren durch die Gegend. Bei der Nähgruppe große Begeisterung für das mitgebrachtes Material und die neuen Ideen. Auch hier Frauengespräche. Noch ein paar Früchte für zu Hause auf dem Markt kaufen.

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Die Marktfrauen bestürmen uns und unser Einwand, dass wir morgen heimfahren und eigentlich keinen Platz mehr im Koffer haben, lassen sie nicht gelten. Also gut, dann eben 2kg Mangos, nein, nicht fünf!, eine Annone, ein paar grüne Guavas, die guten kleinen Bananen und noch eine Tüte ganz frisch gerösteter Cashewnüsse.

Ein kurzer Besuch bei unserer guiniensischen „Tochter“ und ihrem Sohn. Sie hat nur wenig Zeit, weil sie als Hebamme ihren Nachtdienst im Zentralkrankenhaus anfangen muss. Rückfahrt nach Takir, wobei die Wege von A nach B immer sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. Auffallend viele neue, auch mehrstöckige Häuser im Zentrum, große Überlandbusse und viele Lastwagen aus dem Senegal kommend.

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Arnold versucht schon einmal 2 Koffer mit den ganzen Erdnüssen, Cashewnüssen und dem vielen Baobabpulver und –samen zu packen.

3.3.2017

Um 6 Uhr morgens, es ist noch dunkel, werden wir von dem Chauffeur der portugiesischen NGO Monte abgeholt. Monte arbeitet im Norden des Landes in Projekten zur Dorfentwicklung, Wiederanpflanzung von Mangroven, und der Einrichtung eines Nationalparkes. Für die Nationalparkwächter soll ich eine Fortbildung über Heilpflanzen abhalten. Fahrt durch die erwachende Stadt. Auf den Straßen sind schon viele Menschen unterwegs, viele Frauen, die ihre Waren auf dem Kopf zum Markt tragen. Nach 2 Stunden Ankunft im Zentrum von Cacheu. Ein kleiner Anzuchtgarten mit einigen Baumsetzlingen und dann hinunter zum Hafen. Ein paar Leute versuchen, mit Körben Krebse zu fangen. Das Wasser geht zurück, 2 größere Fischerboote liegen am Kai. Es ist nicht klar, ob sie aus dem Senegal oder von GB sind.

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Unsere Abfahrt zögert sich etwas hinaus, weil nicht klar ist, ob wir das schnelle oder das noch schnellere Boot nehmen, das aber auf einer Strecke 50 Liter Benzin verbraucht. Mehrmaliges Telefonieren und Rückversichern. Also doch das ganz schnelle mit 2 Motoren. Wir fahren den breiten Rio Cacheu hinauf, auf beiden Seiten von Mangroven bestanden, große Pelikanschwärme am Ufer, Reiher, die im Schlamm staksen, ein frischer Fahrtwind, zu beiden Seiten Flussabzweigungen, vereinzelt Fischer mit Einbäumen, die langsam vorbeiziehen.

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Da das Flussgewirr auch zum Nationalpark gehört, sind die Parkwächter auch hier zuständig und werfen ein kritisches Auge auf die Fischer. So machen sie auch einen aus, der mit verbotenen Netzen fischt. Die Netze werden konfisziert und er muss sich bei der Polizei melden. Erst am Abend wird uns erzählt, dass letztes Jahr auf diesem Fluss einige Menschen von Krokodilen getötet worden sind, es wird von 6 Meter langen Länge gesprochen! Der Fluss wird zunehmend enger und das kleine Städtchen São Domingos kommt in Sicht. Komische Schleifgeräusche vom Bootsrumpf. Wieder einmal eine Sandbank, aber durch Gewichtsverlagerung im Boot schaffen wir es, doch in Ufernähe zu kommen. Hose hochkrempeln und ins Wasser. Mich als alte Dame nimmt ein junger Mann huckepack und setzt mich so am Ufer ab, dass ich mir die Füße nicht nass mache. An blühenden Neembäumen vorbei zu dem neuerbauten Parkzentrum.

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Wir sind ganz begeistert, weil sie eine Bauweise mit doppeltem Dach, wo der durchstreichende Wind eine natürliche Kühlung bewirken kann, und woran auch wir für die neue Apotheke denken, gewählt haben. Ich finde eine sehr interessierte Gruppe vor und halte den Kurs angelehnt an unser Buch „medicina natural nas tabankas“ ab. Einer der Teilnehmer erzählt, dass er mit dem Buch schon oft gearbeitet hat und noch Nachschub braucht, ein anderer ist Pfadfinderleiter und bräuchte mindestens 50 Exemplare für seine Gruppenleiter. Ich komme mir bei der Bekanntmachung und Verteilung von neuen Dingen manchmal wie eine Marktfrau vor, die ihre Waren meistbietend anpreist, aber nach einer Weile scheint es zu laufen. Es ist schon 15 Uhr, das Mittagessen noch nicht fertig und wir müssen mindestens 4 ½ Stunden für den Rückweg einplanen. Kurzentschlossen fahren wir mit einer Spanierin auf dem Landweg zurück. So haben wir in Bissau noch die Gelegenheit mit der Repräsentantin von Monte zu sprechen, die im Verbund mit anderen Organisationen die Einrichtung eines Parks in der Stadt selbst plant und gerne auch unsere Mitarbeit hätte.

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Mit einem alten Freund aus den 80er Jahren, einem isländischen Arzt, mit dem ich damals in dem Mutter-Kind-Projekt zusammengearbeitet und den ich seit 15 Jahren nicht mehr gesehen habe, fahren wir nach Takir zum Abendessen. Es gilt noch an vieles zu denken, vieles zu verteilen, sich um Kranke zu kümmern, die Koffer zu packen. Ich weiß nicht, wie oft ich an dem Abend die Treppen hinauf- und hinuntergelaufen bin!

Schließlich kommt noch Nelson. Er ist 6 Monate nicht in Bissau und nur auf seiner Insel gewesen und extra wegen uns gekommen. Ganz stolz überspielt er uns Bilder vom Carneval und vom Gemüsegarten der Frauen. Er hat uns die ersten einheimischen Auberginen aus dem Garten und ein Säckchen geräucherter Muscheln mitgebracht. Das Boot haben sie zu einem kleineren umgebaut, haben aber schon Holz besorgt, um wieder ein größeres zu bauen.

Es läuft zwar nicht den einmal geplanten Weg, aber es läuft. Das gilt für einige unserer Projekte: das einmal Geplante muss immer wieder den Umständen angepasst werden. Padre Alberto fragt uns beim Abendessen, ob wir alles erreicht hätten. Auf meine Antwort, dass ich 90% sagen würde, meint er, dass für hier 60% schon ein sehr gutes Ergebnis wäre.

Um 23 Uhr sitzen wir mit gepackten Koffern im Dunkeln unter dem Sternenhimmel und warten auf Alberto, der uns zum Flughafen fahren wird. Da schleicht sich die rote Katze, die mich die ganze Zeit nicht beachtet hat, von hinten an und rollt sich auf meinem Schoß zusammen. Komisch, sie schnurrt nicht. Schnurren afrikanische Katzen nicht? Muss ich versuchen das nächste Mal herauszufinden. Ganz unproblematisches Einchecken, keine
Zollkontrolle, rein gar nichts. Da rolle ich mich auf dem unbequemen Stuhl in der Wartehalle auch zusammen, den Kopf auf Arnolds Beinen, und bin sofort eingeschlafen.

Vereinsvorsitzende Dr. med. Sonja Prexler-Schwab und Dr. Arnold Schwab


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