Projektreise vom 08. März bis 24. März 2018

Bei den Vorbereitungen zu der diesjährigen Reise haben wir uns viel mit den Ernährungsproblemen dieser Welt beschäftigt. Cashewbäume sollen in den nächsten 10 Jahren in vielen Ländern Afrikas und Asiens in Millionenstückzahl angebaut werden. Welche Auswirkungen das auf den Preis der Cashewnüsse für ein vom Cashewanbau zu 98% abhängiges Land wie Guinea-Bissau bedeuten mag, kann man sich ausmalen.
In Äthiopien wird der Linsenanbau bei Kleinbauern unterstützt, und dabei baut jetzt Kanada in gigantischem Umfang Linsen an und überschwemmt den Weltmarkt damit. Bohnen werden in großen Mengen in Nigeria angebaut, die Kleinbauern in Westafrika haben keine Chance mehr, die von ihnen angebauten auf den Markt zu bringen. Dabei werden die Überlebensbedingungen vom Klimawandel bedroht. Deshalb sollte man schon an trockenresistente Sorten für die Zukunft denken, und das in einem Afrika, das auf Grund immer warmer Klimaverhältnisse nie gezwungen war, im Voraus zu planen. Ganz anders in Europa, wo mangelnde Vorsorge für den Winter den Hungertod bedeutet hätte. Hat es überhaupt einen Sinn weit vorauszuplanen, wo doch die Meere ansteigen werden und ein knapp über dem Meeresspiegel liegendes Guinea-Bissau in weiten Teilen überschwemmt werden wird? Haben sie nicht Recht, die jungen Männer, die die Lösung in der Flucht suchen, trotz der Gefahr, ihr Leben auf dem Meer oder in der Wüste zu verlieren?
Dann noch einige der großen Hilfsorganisationen, die sich in die „me too“ Bewegung einreihen……………………
Ein großes emotionales Durcheinander, in dem wir unsere Reise vorbereiten. Ist es überhaupt sinn- voll, was wir tun, sollte man es anders anpacken oder an anderer Stelle aktiv werden?
Eigentlich dachten wir, dass wir dieses Mal nicht so viel Material für die Projekte mitnehmen müssten, aber letztendlich sind unsere 4 Koffer und Rucksäcke wieder, wie auch schon die Jahre zuvor, gut gefüllt. Da der Zug an diesem Donnerstag relativ leer ist, haben wir viel Platz bis Frankfurt. Aber dann dort Rolltreppen rauf und runter und in das andere Terminal. Ich bin so froh, endlich durch die Gepäckkontrolle gehen zu können, dass ich mich wie Lieschen Doof vom Lande, das zum ersten Mal mit einem Flugzeug fliegen will, anstelle. „Haben Sie ein Laptop oder Getränke in Ihrem Rucksack?“ „Nein, habe ich nicht“, lege den Rucksack aufs Band und betrete den Ganzkörperscanner. Ich bin es schon gewöhnt, dass es bei mir piepst und demzufolge von einer Sicherheitswächterin abgetastet zu werden. Sie entdeckt meinen Bauchgurt, den ich schon bei jeder Reise an genau dieser Stelle hatte. „Was haben Sie denn da?“ „Mein Geld“. „Dann müssen wir hinter den Vorhang!“ Genervt ruft sie eine Kollegin und zu dritt verschwinden wir hinter dem Vorhang. Inspizieren meiner Geldkatze, Schuhe ausziehen………….und viele Ermahnungen, wie ich mich das nächste Mal zu verhalten hätte. Und schon kommt mein Rucksack aus dem Scanner. Ich war ganz stolz, dass ich dieses Mal sogar daran gedacht hatte, mein kleines Nähscherchen im großen Koffer zu verstauen. Befremdet beobachte ich deshalb, dass die Reißverschlüsse geöffnet werden und etwas wie ein Kärtchen hindurchgezogen wird. Auf meine Frage, was denn gesucht wird, wird mir knapp geantwortet: „Sprengstoff, im Scanner ist etwas gesehen worden“. Ja und tatsächlich ist da doch meine mit warmem Tee gefüllte Teekanne und eine halb volle Sprudelflasche. Hatte ich total ausgeblendet. Peinlich! Aber hier darf ich meine Getränke weder ausschütten noch austrinken. Dazu muss ich wieder rausgehen. Der Mann am Band ganz vorwurfsvoll: „ich habe Sie doch extra gefragt…………“, er ist sich wohl über meine Zurechnungsfähigkeit nicht so ganz im Klaren. Und erst die Frau vom Sicherheitscheck! Es piepst wieder, automatisch fängt sie wieder an, mich abzutasten, als sie mich plötzlich erkennt: „Was tun Sie denn schon wieder hier!“, und dann will sie überhaupt nichts mehr mit mir zu tun haben. Arnold schaut mich vorwurfsvoll an, ich glaube, er schämt sich für das unprofessionelle Verhalten seiner Frau.
Auf dem Flug nach Casablanca erstrahlt der Horizont bei Sonnenuntergang in den kräftigen Farben des Regenbogens. Wenig Aufenthalt, der vor allem mit dem Anstellen vor einer erneuten Handgepäckkontrolle vergeht, wobei Frauen hier in Ermangelung weiblichen Personals nicht abgetastet werden. Weiterflug mit Zwischenlandung auf den kapverdischen Inseln (die Hauptstadt sieht von oben in der Nacht wie ein Haufen funkelnder Diamanten aus) und dann endlich Bissau, auch ein paar Lichter, aber nicht vergleichbar mit Praia. Wir kommen beide recht erkältet an. Ich war jedes Mal froh, wenn der lange Landeanflug wegen meiner heftigen Ohrenschmerzen wieder vorbei war. Und eigentlich hätte ich auch das wissen müssen und etwas prophylaktisch unternehmen können. Naja.

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Auf dem Flughafen in Bissau wird es von Jahr zu Jahr ruhiger und geregelter. Die Leute, die die Reisenden abholten, durften früher bis ans Kofferband, was ein unbeschreibliches Durcheinander war, jetzt nur noch bis kurz vor den Eingang. Wir werden abgeholt und fahren die neue, von Solarstraßenlampen beleuchtete Umgehungsstraße entlang. Ein Geschenk von China, für das sicher eine Gegenleistung erwartet wird. Jetzt in der Trockenzeit sind die Solarpanels dick mit rotem Staub belegt. Eigentlich sollten sie regelmäßig gesäubert werden, aber man hofft wohl auf die Regenzeit, die Ende Mai einsetzen wird. Zu der Nachtzeit eine himmlische Ruhe. Dann die bekannte Staubstraße und ins Gästehaus der Padres. Draußen wechseln gerade die lautstarken Tagvögel die Nachtvögel ab. Später Frühstück, Gang durch den Garten mit viel Salat, Weißkraut, Tomaten und sogar Basilikum und Petersilie. Die Gärtner freuen sich, uns wieder zu sehen. Ein schönes Gefühl, Bekannte wieder zu treffen, auch wenn mir manchmal der Name fehlt. Wir bekommen unsere Telefonkarte, die alle 3 Monate wieder erneuert werden musste, um ihre Gültigkeit nicht zu verlieren. Schon sind wieder mit der Außenwelt verbunden, begrüßen die Freunde und Projektpartner und versuchen unseren Terminkalender zu füllen. Arnold bekommt einen frischen Moringablüten- und Eukalyptustee. Wenn das nicht hilft! In den Zeitungen lesen wir von einem neuen Film, in dem die Unterstützung der schwedischen Regierung im Befreiungskampf aufgearbeitet wird (Schweden hat sich damals nicht an Kriegshandlungen beteiligt, aber in den befreiten Gebieten den Schulbau und Aufbau von Gesundheitszentren unterstützt, der damalige Ministerpräsident Olof Palme hat sich sehr für die dritte Welt eingesetzt und war ein enger Freund Amilcar Cabrals) und von einer von Amerikanern auf den Inseln geplanten Palmölfabrik mit Exklusivrechten.
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Nachmittags ins Zentrum Bissaus. Es ist heiß, staubig, trocken. Wir sind sehr erstaunt über die Sauberkeit der Hauptstraßen, es gibt Papierkörbe aus 3 übereinander gestapelten Autoreifen in den Nationalfarben rot-gelb-grün und anscheinend eine manchmal funktionierende Müllabfuhr. Einen Meter von der Straße weg, sieht es allerdings aus wie immer. An der großen Umgehungsstraße sieht man auch, wo der Müll hingebracht wird. Große, vor sich hin kokelnde Müllberge, in denen viele, auch Kinder, nach noch Brauchbarem suchen, und das in dem giftigen Rauch und noch dazu barfuß. Wenn mir da nur eine schnell realisierbare Lösung einfallen würde!
Die Nähgruppe hat tatsächlich 100! Säckchen mit einer in Stoff umgesetzten Version der Familienplanungskette genäht, so wie ich es per email bestellt hatte. Und richtig schön haben sie es gemacht! Die Chefin ist gerade zu einem Kurs über Handwerkstechniken in den Benin gereist. ich hoffe, sie kommt vor meiner Abreise wieder zurück. Die Gruppe hat ihr Repertoire erweitert und in dem Raum hängen viele Taschen und Kleidungsstücke in den kräftigen bunten Farben, die Afrikanerinnen gerne tragen. Sogar eine gläserne Ausstellungsvitrine ist hinzugekommen.
In der Besprechung mit der Organisation, die schon seit 1983 in GB arbeitet und für die wir in den nächsten beiden Tagen eine Fortbildung halten wollen, erfahren wir, als wir die mangelnde Berufsausbildung ansprechen, dass sie in den 35 Jahren schon 14 000 Landwirte ausgebildet haben. Ein guter Erfolg! Im Gesundheitsbereich arbeiten sie zusammen mit der WHO an der Zikavirusbekämpfung, wobei noch nicht klar ist, ob das Virus eingeschleppt wurde oder hier heimisch ist. Als wir über die Flucht nach Europa sprechen, erfahren wir, dass sich etwa 6,5% der jungen Leute auf den gefährlichen Weg begeben und in späteren Gesprächen erfahren wir auch, dass jeder der verbleibenden jungen Leute mindestens einen oder sogar mehrere Menschen kennt, die dabei umgekommen sind.

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In der Stadt wurde eine kleine Schutzzone mit Schautafeln über dort lebende Vogelarten angelegt. Es sollen auch noch verschiedene Bäume mit medizinischer Heilwirkung angepflanzt werden, so dass dieser Bereich auch als offenes Klassenzimmer für Schulen genutzt werden kann. Ich freue mich zu sehen, dass sich das früher vermüllte Gelände in einen städtischen Park verwandelt hat. Auch wenn er noch klein ist, halten sich dort doch viele Leute auf. Der uns begleitende 3 jährige Junge hat jedoch Angst vor dem Krokodil, das dort leben soll, und will deshalb das Auto lieber nicht verlassen. Angstmachen ist in Guinea ein sehr verbreitetes Erziehungselement.
Auf dem Markt gibt es schon vereinzelt Cashewfrüchte, Mangos, Orangen, sogar Guavas und auch die großen stacheligen Annonen mit ihrem sämigen, leicht nach Birnen schmeckenden Fruchtfleisch. Wenn nur die Marktfrauen nicht wären, die sich regelrecht auf einen stürzen, wobei jede die andere stimmlich noch überbieten muss. Und jedes Mal lässt man einige beleidigt zurück, weil man ihre Waren nicht beachtet hat. Abends noch aus- und umpacken für die nächsten 2 Tage. Es soll um 6 Uhr losgehen.

Samstag 10.3.18
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Der Fahrer hat Schwierigkeiten uns zu finden, von daher wird es etwas später, aber dennoch ist es noch dunkel. Die Stadt erwacht langsam. Wir treffen lange in Zweierreihen stehende Pfadfinder, die den Samstag außerhalb der Stadt in einem christlichen Zentrum verbringen wollen. Wir hatten bisher von deren Aktivitäten noch gar nichts mitbekommen. Eineinhalb Stunden Fahrt in den Norden. In dem Lehrerausbildungszentrum, in dem wir vor 2 Jahren schon einmal waren, soll ich einen Kurs über Familienplanung halten. So ganz wohl ist mir dabei nicht. Es ist ein sehr sensibles Thema, vieles ist sehr stark kulturell geprägt mit eigenen umgangssprachlichen Ausdrücken, die ich nicht kenne. Ich bin mir unsicher, wie offen ich sein kann, ohne jemandem zu nahe zu treten. Es sind etwa 40 Teilnehmer, überwiegend Männer, im Alter zwischen 20 und 30 Jahren, viele schon mit eigenen Kindern. Die Gruppe ist sehr diszipliniert und aufmerksam, es gibt kein albernes Gelächter. Es erstaunt mich, wie wenig Kenntnisse über den menschlichen Körper vorhanden sind. Homosexualität darf nicht frei gelebt werden, Frauen werden gezwungen weiter Kinder zu bekommen, selbst, wenn sie am Ende ihrer Kräfte sind. An Problemen, wie Sterilität ist grundsätzlich die Frau Schuld, Frauen werden geschlagen, wenn sie dem Mann nicht willens sind. Es entwickeln sich viele Unterrichtsgespräche und ich versuche, die vielen Fragen zu beantworten. Bei der Akzeptanz der männlichen Aggressivität werde ich jedoch sehr bestimmt und erkläre in aller Deutlichkeit, dass kein Mensch das Recht hat, den anderen zu schlagen und dass jeder der Partner jederzeit das Recht hat, nein zu sagen. Ich glaube, es macht Eindruck, das von einer „mulher grande“ gesagt zu bekommen. Die Bevölkerung Afrikas wird im Vergleich zu den anderen Kontinenten in den nächsten Jahrzehnten bedingt durch den frühen Beginn der Schwangerschaften und der hohen Geburtenrate am stäksten anwachsen. In einem Jahrhundert wachsen in Europa 3 Generationen heran, in Afrika dagegen vier. Während eine Generation durch die niedrige Geburtenrate in Europa nur unvollständig ersetzt wird, ist in Afrika die nachfolgende Generation doppelt bis dreifach so stark. Die Bevölkerung Guinea-Bissau, die in den 80er Jahren noch bei 700 000 lag, wird Ende diesen Jahres 2 Millionen erreicht haben. Familienplanung wird an Bedeutung zunehmen müssen, da sie ein bevölkerungspolitisches Problem darstellen wird.
Wir sind in einem kleinen Zimmer etwas abseits vom Wohntrakt der Schüler untergebracht. Alles ist frisch gewaschen, auch das Mosquitonetz, für das allerdings die Befestigungen zum Aufhängen fehlen. Die Mahlzeiten nehmen wir im großen Essenssaal ein. Es wird Wert auf gesunde Nahrung gelegt. So gibt es Baobab- und Hibiskussaftsaft, allerdings oft mit großen Zuckermengen, und auch Salat, den viele Schüler allerdings stehen lassen, sich dafür allerdings bei den Reisportionen nicht zurückhalten. Wir staunen immer wieder über die riesigen Reisberge, die in die Teller geschaufelt und ratzeputz aufgegessen werden. Die Temperaturen sind morgens und abends recht angenehm, tagsüber mit weit über 30° fast unerträglich heiß. Der Schülergarten ist in einem schlechten Zustand. Die Dorfbevölkerung lässt ihre Haustiere frei herumlaufen und, da der Zaun brüchig ist, ernähren sich Schweine und Schafe gerne von dem angebauten Gemüse. An einem der Tage hat sich ein kleines Schweinchen sogar im Essenssaal verirrt und dort die heruntergefallenen Knochen verspeist.

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Der vor 2 Jahren nach meiner Fortbildung über Heilpflanzen mit großer Begeisterung angelegte Medizinalgarten ist von den Termiten vernichtet worden. Es wird jetzt dringend nach einem Lehrer für Pflanzenbau gesucht, der Unterricht geben, sich aber auch um die Gärten kümmern kann. Auf dem Gelände gibt es auch einen Kindergarten mit über 100 Kindern. Eine internationale Gruppe war vor 2 Wochen mit einem Bus aus Dänemark quer durch die Wüste angereist, und zusammen haben sie einen Spielplatz für die Kinder gebaut. Die Lehrerausbildung ist sehr praktisch orientiert. 2 Wochen Unterricht wechseln sich mit 2 Wochen Arbeit in Dorfschulen ab. Zum Abschluss hat die letzte Klasse eine 10 wöchige Abschlussfahrt in die umliegenden Länder unternommen. Da Mali und Burkina Faso zu unsicher waren, sind sie nach Sierra Leone gefahren. Auf dem Programm standen Treffen mit anderen Schulen, Arbeit in den Dörfern und sicher auch Festivitäten. Aber toll, dass die Schulabgänger die Möglichkeit haben, Länder und Kulturen kennenzulernen, die der ihrigen nicht allzu fremd sind. Die fertigen Lehrer haben wegen ihrer Praxisbezogenheit und auch weiteren Supervision durch die Schule gute Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt. Viele der Väter sind auch Lehrer und verdienen etwa 45 000CFA, etwas über 60 Euro pro Monat, die Kinder mit ihrer guten Ausbildung steigen sehr schnell zum Schuldirektor auf und verdienen gleich das Doppelte.

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Zu dem Bevölkerungsthema passt sehr gut der von uns mitgebrachte Film „die Piroge“ von Moussa Touré, der 2012 einige Filmpreise gewonnen hat. Ein Film aus dem Nachbarland Senegal, der die Probleme und Gefahren der Flucht über das Meer sehr deutlich macht. Obwohl der Film in Französisch und Wolof und vom Ton her manchmal akustisch schwer verständlich ist, sind die Schüler voll mit dabei. Ein Film, der nachdenklich macht und den ich stellenweise meine, nicht weiter ertragen zu können, obwohl ich ihn schon einmal gesehen habe. Zum Schluss bedankt sich ein Schüler bei uns, dass wir den Film mitgebracht haben.

Sonntag 11.3.18
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Früher Unterrichtsbeginn, um die Kühle des Morgens auszunützen. Heute will ich die einzelnen Verhütungsmethoden besprechen. Die Schüler können es kaum erwarten, endlich zu erfahren, welches die fruchtbaren Tage sind. Als ich dann jedem eines der gefertigten Säckchen mit der Familienplanungskette schenken will und die Frauen meinen, das wäre nur etwas für sie, bricht ein unglaublicher Tumult aus. Die Männer brauchen auch eines, Na klar! Es erstaunt mich, wie viele eine Verhütungsmethode (sehr oft ein unter die Haut eingepflanztes Hormonpräparat) benutzen, aber nichts über deren Wirkung oder auch Nebenwirkungen wissen. Ich habe die gängigen Methoden mitgebracht und die Fragen finden fast kein Ende. Zwischendurch bin ich richtig heiser, noch die Auswirkung meiner Erkältung, und muss eine Pause machen. Jeder bekommt zum Schluss ein Heft über den Unterrichtsstoff zum Nachlesen und das Büchlein von den zwei Fröschen mit der Aufforderung, immer zu versuchen, den eigenen Horizont zu weiten. Damit hat sich der Kreis zu unserem zu Beginn aufgehängten Poster „Träumen heißt durch den Horizont schauen“ geschlossen. Für alle Beteiligten eine runde Sache. Der Klassensprecher dankt uns. Schnell noch ein paar medizinische Beratungen, der Fahrer wartet schon. Draußen hat der Wind die Samen des riesigen Kapokbaumes zu regelrechten weißen Wolken am Boden zusammengeblasen. Ein einzelner Samen besteht aus dem Samenkorn in der Mitte und viel wolligem Material außenherum. Hat mir im Unterricht wunderbar als Modell einer Eizelle gedient. Nach einem herzlichen Abschied Rückfahrt nach Bissau.

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Zum Geburtstag eines Padres backen wir noch ein Fladenbrot mit Moringa. Bei einem Rundgang durch das umgebende Dorf traut sich ein kleiner Junge, mir die Hand zu geben, zieht sie aber sofort zurück, als ob er sich verbrannte hätte und läuft in wilder Panik laut schreiend davon. Irgendwie sind wir Weißen wohl immer noch anders!

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Montag 12.3.18
Auf der vierspurigen Ringstraße um Bissau herum käme man jetzt viel schneller in das Zentrum, wenn denn alle Fahrer dieselben Verkehrsregeln befolgen würden! Man fährt konsequent auf der Überholspur oder in der Mitte der beiden Spuren, hält an oder parkt sogar, wo es einem gerade passt, Leute überqueren die Straße ohne nach rechts oder links zu schauen und das ganze Hausgetier sowieso. Kein Wunder, dass in den letzten 2 Jahren 12 Menschen auf der Straße gestorben sind. Wir fahren in Richtung Hafen und staunen über die große Anzahl an neuen großen Lagerhallen, die alle auf die bevorstehende Cashewernte warten. Sogar eine Zementfabrik gibt es, von den Chinesen betrieben.
Eines meiner Vorhaben diesen Jahres ist die Verbreitung der Wissenschaftlichkeit der Naturmedizin, deshalb haben wir um ein Treffen mit dem Rektor einer der 7 Universitäten Bissaus gebeten. An der seit 2008 bestehenden privaten Uni unterrichten 200 Lehrer 4 300 Studenten in 7 Disziplinen. 1600 Studenten haben bisher ihren Abschluss gemacht. Das Studiengeld beträgt 40 Euro pro Monat. Da es auch einen 3 jährigen Krankenpflegekurs gibt, biete ich einen Kurs in Pflanzenmedizin an, um den Krankenpflegern und –schwestern neben der Schulmedizin auch ein in der Dosierung fundiertes Wissen über Heilpflanzen zu vermitteln. In einem Land wie Guinea-Bissau, wo jeder Kranke erst einmal zum traditionellen Heiler geht, halte ich ist es für wichtig, diesen Teil der Medizin auch in das bestehende Medizinwesen zu integrieren. Bei einer Konferenz im vergangenen Jahr ist das sogar auch von Ministeriumseite offen postuliert worden. Die Führungsebene der Uni ist begeistert von meinem Vorschlag und plant gleich einen Kurs von 8-10 Tagen. Ich würde erst einmal klein und mit 3 Tagen anfangen, wir visieren die 2.Novemberhälfte diesen Jahres an.
In Guinea-Bissau gibt es seit 3 Jahren keine funktionierende Regierung mehr, die Ministerien arbeiten kaum und haben keine Befugnissen. Viele ausländische, z.T. auch kirchliche Organisationen halten vor allem das Gesundheitssystem am Laufen. Es werden Millionen und Millionen investiert und vor allem ältere Experten in unserem Alter versuchen etwas zu bewegen. Die Kindersterblichkeit ist in den letzten Jahren etwas gesunken, gehört aber, ebenso wie die hohe Müttersterblichkeit, zu der höchsten auf der Welt. Aids nimmt zu, 10% der Schwangeren sind HIV positiv und es tauchen immer mehr Kinder mit extremer Unterernährung auf, so zum Beispiel ein Kind mit einem Gewicht von 3,5kg im Alter von 14 Monaten, dessen Mutter an Aids gestorben ist, und das jetzt von seiner Großmutter aufgezogen wird.

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Nachmittag haben wir ein Treffen mit AMEF, der Gruppe, die unentgeltlich medizinische Hilfe im ganzen Land und vor allem in der abgelegenen Region Boé in Osten des Landes leisten will. Unser gemeinsam geplantes Programm der Ausbildung der Dorfhebammen liegt immer noch im Ministerium und harrt der Unterschrift. Die Gruppe wird von einer Woche zur anderen vertröstet. Es wird zwar eingesehen, dass die Vorgabe, jede Frau soll in einem Krankenhaus entbinden in dieser abgelegenen Region nicht möglich ist, aber letztendlich wagt niemand die Verantwortung für eine Ausnahme zu übernehmen. Die Gruppe hat landesweit im letzten Jahr 2000 Sprechstunden abgehalten, auch in medizinisch unterversorgten Brennpunkten, wie Gefängnissen oder Waisenhäusern und hat auch für dieses Jahr wieder viel vor. Schwierigkeiten bereitet immer der Transport. Wir vereinbaren, am Wochenende auf ihren Wunsch hin, zusammen nach Boé zu fahren, um die von TABANKA finanzierten Brunnen offiziell einzuweihen.
Wir machen einen Abendspaziergang auf der Staubstraße oberhalb des Gästehauses, wo wir tagsüber viele LKWs gesehen haben. Die reinste Mondlandschaft empfängt uns. In großem Stil wird hier Erde abgetragen und in Hafennähe transportiert, um dort den Boden für die großen Lagerhäuser zu stabilisieren. Zurück gehen wir in den roten Abendhimmel hinein, die Baobabs sehen wie schwarze Scherenschnitte aus.

Dienstag 13.3.18

Abilio-Consumo de Drogas na<br /> GB

Der Drogenhandel spielt immer noch und schon seit Jahren eine große Rolle in Guinea-Bissau. Inzwischen spielt er sich mehr auf dem Meer ab, wo Kisten mit Sendern abgeworfen werden, die von Schnellbooten geortet und aufgefischt werden. An einem Tag sollen auf diese Weise 13 Millionen Dollar den Besitzer wechseln, wobei 1 Million Dollar im Land verbleiben sollen. In wessen Händen wohl? Ende des Jahres sollen Wahlen sein, wobei die Drogenbarone sicher nicht an einem starken und funktionierenden Staat interessiert sind.
Im Institut für öffentliche Gesundheit treffen wir einen jungen Soziologen, der sich mit dem Drogenproblem im Land selbst und mit seiner Bekämpfung befasst. Das Drogeneintrittsalter sinkt immer mehr, inzwischen beginnen schon Kinder im Alter von 8 bis 10 Jahren Drogen zu nehmen. Am häufigsten wird Cannabis genommen, das im Land selbst angebaut wird und als neuste Mode in den starken Minztee hineingemischt wird. Cannabis wird dabei als „Heilpflanze“ angesehen. Zunehmend wird auch Crack verwendet, das sich ganz einfach herstellen lässt. Die Drogen werden sehr leichtsinnig in immer höheren Dosen eingenommen, die Konsumenten haben kaum Kenntnisse über ihre Gefahren, und die Häufigkeit von Kriminalität und schweren psychischen Störungen nimmt zu. Es gibt keinen einzigen Facharzt für Psychiatrie im Land und nur eine kleine Drogenklinik, wo nur die schlimmsten Fälle unter menschunwürdigen Zuständen interniert werden. Die großen Organisationen, wie die Vereinten Nationen, sind nur auf den Drogenhandel fokussiert. Der Soziologe will jedoch Vorbeugungs- und Aufklärungsprogramme in Guinea selbst beginnen. Er hat schon einige Comics mit der bekannten Comicfigur N´tori geschrieben, denkt an Radioprogramme, einen Song, Aufklärungsveranstaltungen in den Schulen…………….Wie immer fehlt das Geld.
Zum Mittagessen treffen wir uns mit einem Sänger, der für uns ein Lied über den Wert der Pflanzenheilkunde machen will. Eine weitere Initiative, um die Medicina natural populärer zu machen, vielleicht auch als Erkennungsmelodie für Radiosendungen über medizinische Themen, wie sie schon einmal von der Gruppe medicina natural abgehalten worden sind. Damals konnten Interessierte beim Sender anrufen und Fragen zu Krankheiten und ihrer Behandlung mit Heilpflanzen stellen. Diese Reihe würden wir gerne wieder aufnehmen. Der Künstler hat ein kleines Studio, in dem Musikunterricht gegeben wird (Geige, Klavier und Trommel) und Ausstellungen und Konzerte veranstaltet werden. Leben kann er davon allerdings nicht. An unserer Thematik ist er sehr interessiert und verspricht innerhalb von 2 Tagen einen Probesong zu erstellen. Plötzlich kommt eine Gruppe hereingeweht, die ich an anderen Touristenorten aber nicht in Bissau erwartet hätte. Zwischen 60 und 70 Jahren alt, übergewichtig, große Sonnenschlapphüte, kurze rosa Höschen, schmuckbehängt, dicke Kamera vor dem Bauch. Wie von einem Kreuzfahrschiff, das seine Passagiere ausgespuckt hat. Aber in Bissau legen noch keine Kreuzfahrschiffe an, oder doch?

Maggi-überall

In unseren Überlegungen und Diskussionen über die Ernährung in Guinea wurde immer wieder deutlich, dass sich die Ernährung in den letzten Jahren verschlechtert. Reis wird in großen Mengen verzehrt, aber nicht der vollwertige einheimische Reis, gestampft in dem großen Mörser, sondern der blütenweiße aus Pakistan. Weißbrot ist überall erhältlich, Tee oder Kaffee werden mit Unmengen Zucker gesüßt. Sich Coca-Cola oder Fanta leisten zu können, ist ein Zeichen des Wohlstandes. Auch den immer häufiger zur Verfügung stehenden Säften vom Cashewapfel, Baobab oder anderen Früchten ist viel Zucker zugesetzt. Maggiwürfel mit viel Salz dürfen bei keiner Essenszubereitung fehlen. Wohlstandskrankheiten wie hoher Blutdruck, Thrombosen, Zuckerkrankheit nehmen zu. Laut eines Berichtes der WHO von 2016 leiden rund 45% der Afrikaner an Bluthochdruck, Zahlen von Guinea-Bissau gibt es nicht. Neben der Fehlernährung gibt es noch die Unterernährung. Vor allem die ärmere Bevölkerung kann sich oft wenig außer Reis leisten Ein bisschen Sauce, mal ein Stückchen Fisch, Fleisch nur ganz selten. Es wundert uns, dass nicht, wie in den anderen westafrikanischen Ländern, pflanzliches Eiweiß, z.B. in Form von Bohnen verzehrt wird. Wenn Bohnen angebaut werden, dann als Verkaufsfrucht, aber nicht zum Eigenverzehr. Arnold hat eine Powerpoint Präsentation über den Ernährungswert von Bohnen vorbereitet. Da in Afrika Botschaften viel besser über Musik vermittelt werden, wollen wir wieder zu diesem Hilfsmittel greifen. Dieses Mal mit einer anderen Gruppe, die sich „die Automechaniker“ nennt. Die beiden Bandleader sind auch von Beruf Automechaniker, und deshalb kommt einer von den beiden ölverschmiert direkt aus der Werkstatt zu unserer Besprechung. Es ist eine Gruppe, die aktuelle, auch politische Themen aufgreift und bei einem Wettbewerb unter 25 Gruppen den ersten Platz gewonnen hat. Es ist etwas schwierig zu vermitteln, was genau wir uns vorstellen, aber er verspricht, einen Vorschlag bis vor unserer Abreise fertigzustellen.

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Der heutige Tag ist eng getaktet. Wobei wir uns zu jedem neuen Treffen erneut von A nach B durch die Stadt mit ihrem chaotischen Verkehr kämpfen müssen oder wie jetzt auf unserem Weg zu Swissaid, nachdem wir uns mehrmals verfahren haben, wegen eines querstehenden Müllautos umkehren müssen. Der Taxifahrer ist am Verzweifeln. Unser Thema bei anderen Organisationen ist immer die Frage, ob es nicht sinnvoll wäre, die gemeinsamen Kräfte zu bündeln. Wir teilen unsere erstellten Materialien oder auch Kenntnisse gerne, in der Hoffnung, die anderen tun es auch. Wir vereinbaren einen Vortrag über Bohnen bei einer großen Frauengruppe in Bissau, die einen großen Gemeinschaftsgarten Gemüse anbaut.
Abends Treffen mit Freunden und Bekannten, die Ende der 70er Jahre in der damaligen DDR studiert haben. Sie können noch sehr gut deutsch sprechen und schwelgen in ihren Erinnerungen an Bockwurst und Rippchen.

Mittwoch 14.3.18
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Morgens gut einstündige Fahrt nach Mansoa, wo der diesjährige Kurs für die Medizingruppe stattfinden soll. Das Thema ist „Problemlösungen finden“. Auf beiden Seiten ist die Wiedersehensfreude sehr groß. Die Apotheke ist in einem sehr sauberen und aufgeräumten Zustand, Mängel des Vorjahres sind beseitigt worden. Die Produktion im letzten Jahr war wieder sehr hoch, dafür die Apotheke, auch was die Lagerungskapazität anbelangt, zu klein und beengt. Unser Lösungsversuch in diesem Fall besteht darin, dass wir uns 2 leerstehende Häuser und ein Grundstück in der gleichen Straße anschauen. Da die Eigentümer erst durch Dritte kontaktiert werden müssen, erzielen wir kein endgültiges Ergebnis, aber ein Anfang ist schon einmal gemacht. Ein großes Problem ist unser im vergangenen Jahr begonnener Heilpflanzengarten in Nloré.

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Der Garten ist gut eingezäunt, so dass Schweine und Ziegen keinen Zutritt mehr haben, dafür sind die schön angewachsenen Moringapflanzen plötzlich eingegangen. Ob es Termiten oder andere Schädlinge waren, ist nicht klar. Jetzt ist eine neue Pflanzung angelegt worden, allerdings werden sowohl Garten als auch von uns finanzierte Gerätschaften ungefragt von anderen mitbenutzt. Außerdem gibt es Streit um das Wasser. Auch wenn die Klärung dieser Frage sehr viel Zeit benötigt, wird kein vorschnelles Urteil gefällt. Erst, als beide Seiten ausführlich gehört worden sind, wird der Beschluss gefasst, die Rechte der Medizingruppe hinsichtlich des Gartens schriftlich zu fixieren und beglaubigen zu lassen müssen, um zukünftige Streitigkeiten zu vermeiden.
Abends gibt es, na was wohl? Na klar, Bohnensuppe.

Donnerstag 15.3.18
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Vormittags kleiner theoretischer Fortbildungsteil. Es ist furchtbar heiß. Die Fastenzeit ist bekannt dafür. Bis vor einer Woche ist es sogar recht kühl gewesen und über die ersten Monate des Jahres wird berichtet, dass es so kalt war, dass man morgens und abends sogar eine Jacke gebraucht hat!
Nach dem Mittagessen schnell ein Sprung in die Schule von Cussar, wo TABANKA bei der Schulerweiterung mitgeholfen hat. Ein schönes U-förmiges Gebäude, in Rot gehalten mit kindgemäßen Gemälden, sauberer Innenhof mit ein paar geparkten Fahrädern, die Kinder gelbe T-Shirts als Schulkleidung. Der Direktor führt uns in eine Klasse, die unsere Froschgeschichte als Lektüre gelesen hat. Erst traut sich niemand, aber dann meldet sich doch ein Mädchen und erzählt uns die Geschichte in eigenen Worten. Auch bei dem anschließenden Gespräch sind die Mädchen mutiger. Super! Die begleitende italienische Schwester erzählt dazu eine nette Geschichte zur weiteren Ermutigung: ein kleiner Junge ist immer seinem Vater hinterhergelaufen und hat versucht alles so zu machen, wie sein Vater es machte, wie er sich die Nase putzte, wie er aß, wie er lief. Eines Tages hat er ihn gefragt: „Vater, was muss ich machen, wenn ich mal ein erwachsener Mann bin?“ „Nun, dann musst du alles so machen, wie ich es mache: du musst du dich um deine Kinder kümmern, musst arbeiten gehen, damit sie etwas zu essen und schöne Kleidung haben, damit sie zur Schule gehen können und damit sie einmal Großes leisten in der Welt“. Da überlegte der Junge und sagte: „ Wenn das so ist, dann will ich mal wie Mama werden!“ Ja, die Frauen sind es, die den ganzen Tag arbeiten und sich um ihre Kinder sorgen.
Nachmittags wollen wir einen Sirup gegen Hepatitis herstellen. Ein Teilnehmer hat die für das Rezept erforderlichen Wurzeln mitgebracht, Zweige mit den Blättern haben wir bei unserem Ausflug nach Nloré abgeschnitten. Die Gruppe geht bei der Gewinnung des Pflanzenmaterials sehr umsichtig vor, erzählt aber, dass andere sehr brutal vorgehen, so dass Heilpflanzen in großem Ausmaß geschädigt und vernichtet werden. Wie wird da die Zukunft aussehen?

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Es wird schon dunkel, als wir nach Bissau zurückfahren. Viele Autos kommen uns ohne oder nur mit einem Licht entgegen, Menschen, die man in der Dunkelheit nur schwer erkennt, laufen auf der Straße, und dann wieder diese Kühe und Schafe! Extrem anstrengend und man hat Glück, dass nichts passiert. Müde, staubig, klebrig, hungrig kommen wir zurück, aber eine köstliche Papaya wartet auf uns zum Abendessen.

Freitag 16.3.18
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Eigentlich sollte heute der dritte Tag der Fortbildung sein, aber die Gruppe wollte lieber an einem Markt landwirtschaftlicher Produkte in Bissau teilnehmen. Unter großen blühenden und duftenden Neembäumen sind viele Stände aufgebaut. Es werden lokal angebaute Reissorten, Gemüse, Eier, Erdnusspasten, Säfte, Marmeladen, Honige, und auch einfache landwirtschaftliche Geräte angeboten. Die Nähgruppe und auch die Medizingruppe sind vertreten. Außerdem gibt es ein neues Produkt: Baobabbonbons mit Ingwer, sehr fruchtig schmeckend. Muss ich zu Hause einmal versuchen nachzuarbeiten! Interessant, die schon bestehende Vielfalt an lokal hergestellten Produkten zu sehen!
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Anschließend ein Vortrag bei der Vereinigung von 300 Frauen, die auf einer ehemaligen Staatsfarm Gemüse anbauen. Viele grüne Parzellen, auf denen zurzeit vor allem Salat und Tomaten wachsen, allerdings jetzt in der Trockenzeit nur mit Bewässerung. Auf diese Weise bekommen die Frauen durch den Verkauf ihrer Waren auf dem Markt etwas Geld, mit dem sie z.B. die Schulgebühren ihrer Kinder zahlen können. Ein enger dunkler Raum mit etwa 40 zum Teil älteren Frauen, die sich in die Bänke quetschen. Ich versuche den Ernährungswert von Bohnen darzustellen und sie zum Anbau zu ermuntern. Einige Frauen schlafen vor Hitze und Erschöpfung, andere stellen interessierte Fragen. Swissaid will in der Beschaffung von verbessertem Saatgut helfen.
Mittagessen in einem kleinen neuen Restaurant in der Stadt, auch die gibt es jetzt immer häufiger. Es gibt zwar keinen Strom, aber auf dem Holzfeuerchen lässt es sich auch kochen. Wir haben wie immer die Wahl zwischen Fisch und Huhn.

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Mit neuer Kraft geht es zum nächsten Termin. Wir treffen einen befreundeten Biologen, der mir voller Stolz seine Masterarbeit überreicht, eine anthropologisch-medizinische Studie über die Verwendung von Heilkräutern auf einer der Bijagosinseln. Er kennt sich auf den Inseln sehr gut aus, hat auch Studien über die dort lebenden Tiere, darunter die weltweit drittgrößte Population von grünen Schildkröten gemacht. Er würde sich gerne bei meinem Vorhaben an der Uni beteiligen und schlägt vor, das Ganze auch gleich bei einer weiteren Krankenpflegeschule abzuhalten. Es ist immer interessant mit ihm zu sprechen, weil er einer ist, der große Kenntnisse hat und fähig ist Querverbindungen und neue Ideen zu schaffen.

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Weiter geht es zu Fuß, durch Staub und Schmutz, mittendrin Frauen, die am Boden hocken und ihre Waren verkaufen, zurzeit häufig geschälte Orangen. Die Radiostation „Raddio sol mansi“ hat zu einem Interview eingeladen. Arnold, der in den letzten Wochen zu „Mr.Bean“ mutiert ist, beantwortet Fragen zu dem Nutzen von Bohnen und ich erzähle in Criolo noch etwas zur Ernährung. Noch ein kleines Treffen mit der Schwester, die für die Schulen zuständig ist, die wir bisher unterstützt haben und dann noch ein kleines Treffen mit Freunden unten am Hafen. Ein leichter Wind, ein kleines kühles einheimisches Bier und die angenehme abendliche Erschlaffung nach einem anstrengenden Tag macht sich breit.
Packen und nichts vergessen für die nächste Woche, die wir unterwegs sein werden. Arnold liegt ermattet auf seinem Bett und fasst unsere Reise in einem Satz zusammen: „es ist toll mit dir zusammen zu reisen, aber furchtbar anstrengend!“

Samstag 17.3.18
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Wir hatten die Abfahrt auf 6 Uhr festgelegt, aber schon vor 6Uhr steht der Fahrer da, sehr ungewöhnlich für Guinea. Die Gruppe AMEF will unbedingt mit uns an einem Tag nach Boé und wieder zurück fahren. Die ersten Stunden liege ich entspannt hinten im Auto, in meinen langen Schal gehüllt, umspült von der guiniensichen Musik aus dem Autoradio und döse wohlig vor mich hin. In Gabu Treffen mit den anderen und Umsteigen in den Landrover. 4 Stunden auf teils extrem schlechten und holprigen Straßen liegen vor uns. Zuerst der bekannte Streifen mit blühenden Djanderé-pflanzen rechts und links des Weges. Öde, steinige, mit Termitenpilzen bedeckte Landschaften wechseln sich mit abgebrannten und für die Neupflanzung vorbereitete Cashewfeldern ab, ab und zu einmal ein paar Langschwanzaffen. Am Fluss wird Wäsche gewaschen und die kleinen Kinder abgeschrubbt, was ihnen großes Vergnügen bereitet. Der Motor der Fähre geht immer noch nicht oder schon wieder nicht mehr, jedenfalls werden wir wie schon letztes Jahr über den Fluss gezogen. Ich hätte den breiten Fluss so gerne in einer Piroge überquert; ich werde auf die Rückkehr vertröstet. Dort sehe ich ein großes Schild mit der Notfalltelefonnummer 1-2-1 für misshandelte Frauen oder Kinder.

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Ich freue mich über dieses Projekt, meine Begeisterung wird aber gleich wieder zunichte gemacht, weil diese Nummer gar nicht besetzt sein soll. Boé ist zum Nationalpark erklärt worden, ohne es zuvor mit der Bevölkerung abzusprechen. Die Einschränkungen, die das mit sich bringt, kennen wir auch aus unserer Region. Der erste Brunnen in Lugajole ist zwar gut betoniert und auch eingezäunt, aber mindestens 3m zu flach. Er hat jetzt schon wenig Wasser und die Trockenzeit wird noch mindestens 2 Monate anhalten. Die Brunnenbohrer müssen noch einmal kommen und nachbessern. Boé ist in dieser Jahreszeit mit etwa 43° wegen seines eisenhaltigen Untergrundes unerträglich heiß. Man hält es in der Sonne kaum aus. AMEF hat alles für ein Picknick vorbereitet und wir nagen an einem Freilaufhuhn mit allen seinen Vor-und zähen Nachteilen. Dann zum nächsten Brunnen im nächsten Dorf und ewig dauernde Übergabe unter dem großen schattenspendenden Mangobaum, an dem in langen Schnüren schon große Mangofrüchte herabhängen. Bis alle gesprochen und Interviews gegeben haben, das dauert. Die Frauen vom letzten Jahr freuen sich, uns zu sehen und führen uns zu ihren Gärten voller Zwiebeln und Tomaten. Nach der Regenzeit wollen sie ihre Gärten um den neuen Brunnen herum gruppieren. Viele Kinder begleiten uns. Alle versuchen, wenigstens einen Finger von mir zu erhaschen. Auf dem Rückweg halten wir mit einer Stunde Verspätung in dem Dorf vor dem Fluss. Die Frauen hatten lange auf uns gewartet, finden sich aber schnell wieder ein und 40 von 100 interessierten Frauen sitzen um uns herum.

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Sie wollen einen Gemeinschaftsgarten in Flussnähe anlegen und mit einer Motorpumpe die Bewässerung sicherstellen. Wir werden in einzelne hinter dem Haus liegende Gärten über die Veranda geführt und bestaunen die großen Okraschoten. Hier im Hinterhof abendliche Tätigkeiten, wie Abschrubben der Kinder mit viel Seifenschaum. Ein kleiner Bub hat diese Prozedur schon hinter sich und steht da in langer Hose, langärmligem Hemd und schwarzer Weste, so als ob er zu einem großen Fest gehen wollte. Zwischen den Häusern eine große Feuerstelle eingefasst von am Boden liegenden Baumstämmen. Das ist die Koranschule, wo die Kinder abends zusammen kommen, um zu lernen. Obwohl dieses Dorf die Grenzstation zu Guiné-Conacry ist, hat es keine Solarstraßenlampen wie inzwischen viele andere Dörfer. Wir schauen uns noch das Gelände für den geplanten Gemüsegarten an. Es ist in früheren Zeiten schon einmal bebaut worden, bedürfte demzufolge nur der Reinigung. Ein alter Brunnen ist auch vorhanden. Es sollen die Möglichkeiten seiner erneuten Nutzung untersucht werden.

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Der Fluss liegt ruhig da im Abendlicht, sein Wasser ist klar und grün, in der Flussmitte liegt eine kleine Insel, von der der angeschwemmte Sand in Holzbooten für den Hausbau ans Ufer gebracht wird, Reiher haben sich auf ihrem Schlafbaum niedergelassen. Leider ist mein Freund mit der Piroge nicht da, und wir setzen wieder mit Ziehkraft über. Die weitere Rückfahrt im Halbdunkel ist extrem schwierig, weil die Löcher schwer zu erkennen sind und wir unangenehm hin und her geschüttelt werden. Rechts und links vom Weg leuchten die abendlichen Feuer der Häuser, die keinen Strom haben. Auch das verbraucht jeden Abend Unmengen von Brennholz und macht die Luft so rauchig, dass sie wie Nebel erscheint. Luftverschmutzung wiederum erhöht die Rate der Atemwegserkrankungen. Der Grad der vorliegenden Feinstaubbelastung hätte bei uns sicher schon ein Fahrverbot nach sich gezogen.
Unser Hotelzimmer in Gabu ist trotz Ventilator wie eine Sauna. Das Bett ist frisch bezogen, das Badezimmer allerdings in einem desolaten Zustand. Welch einen Staat würde hier eine dieser Designerklobrillen mit Palmen oder sonst was drauf machen, die bei uns fast wöchentlich von den Discountern angeboten werden! Aber egal, Hauptsache aus der Dusche kommt Wasser!
Das Restaurant, in das wir gehen, hat keinen Strom, dafür wird eine lichtstarke Lampe auf die Brüstung gestellt. Es gibt etwas Kaltes zu trinken, Salat (wir trauen uns, ihn zu essen) und einen wunderbar gebratenen Fisch, aber seine Gräten in der Dunkelheit zu erkennen, ist nicht so ganz einfach. Etwas ganz Neues: ein Koraspieler (die Kora ist ein westafrikanisches Saiteninstrument) kommt an unseren Tisch, und wir genießen seine Tafelmusik. Das Schlafen ist bei den heißen Temperaturen mit oder ohne Ventilator schwierig.

Sonntag 18.3.18
Kirche in Gabú

Gottesdienst in der Kirche von Gabu, einer ursprünglich rein islamischen Region. Obwohl wir eine Viertelstunde zu früh dran sind, ist die Kirche brechend voll. Wir bekommen einen Platz an einem kleinen Seitenaltar zugewiesen, direkt unterhalb eines offenen Fensters. Wunderbar! Vor uns sitzen 3 kleine Mädchen, die etwas Dickmilchartiges abwechselnd aus einem Plastiktütchen zuzeln. Auch selbsthergestelltes Wassereis wird auf diese Art gegessen. Daneben 30 Täuflinge im Alter zwischen 20 und 30 Jahren. Vielleicht ist deshalb heute die Kirche so gefüllt. Der Gottesdienst wird von einem Chor begleitet und einer Solosängerin, deren Stimme auch ohne Mikrophon die ganze Kirche erfüllt. Ihre Begeisterung wirkt richtig ansteckend. Der Pfarrer kommt von Guinea-Conacry, der zum Schluss zu einer Pilgerreise in seine Heimat mit 75Euro Kosten pro Person aufruft. Sehr befremdlich für uns. Zum Schluss werden noch die heutigen Gäste ans Mikrophon gebeten. Arnold schiebt mir den Part zu und ich muss mir ganz schnell was überlegen.

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Gespräch im Haus für werdende Mütter. Es gibt Probleme, weil der dort verteilte Sirup gegen Blutarmut nachgemacht und unter der Hand verkauft wird. So geht das natürlich nicht, ohne genauem Rezept und Hygienemaßnahmen. Das Haus ist mit 24 Frauen voll besetzt. Es gibt Ärger mit der Malariaprophylaxe. Die Frauen können zwischen schulmedizinischer und naturheilkundlicher Prophylaxe wählen, was einigen Schulmedizinern nicht gefällt. Aber wenn doch das von der WHO empfohlene Präparat nicht immer verfügbar ist? Positiv ist, dass einige Ärzte im Krankenhaus schon die von der Mednat Gruppe produzierten Medikamente verschreibt. Seit kurzem ist das System des Gesundheitshelfers auf Gemeindeniveau landesweit eingerichtet worden. Ein Gemeindehelfer hat 50 Familien vor allem in Hinblick auf die Gesundheitsmaßnahmen der Kinder zu betreuen, letztendlich mit dem Ziel, die Kindersterblichkeit zu senken. Er hat eine monatliche Statistik zu erstellen und bekommt für seine Tätigkeit ein Minimalgehalt. Jede Region wird von einer anderen großen Organisation finanziell unterstützt. Das System ähnelt dem vielgepriesenen dörflichen Gesundheitssystem kurz nach der Befreiung. Das große Problem ist allerdings, dass die übergeordneten Strukturen, wie das zuständige Gesundheitszentrum oder das Krankenhaus, nur mangelhaft funktionieren.
Das Ernährungszentrum in Gabu wurde um eine Bettenstation erweitert. Hier werden unterernährte Kinder nach einem genauen Ernährungsprotokoll wieder aufgepäppelt. Ein großes Problem sind fehlende Kinderärzte, die sich dieser kleinen ausgemergelten Gestalten annehmen würden.Dabei gibt es 600 ausgebildete Krankenschwestern und Ärzte, die jedoch in den letzten 3 Jahren wegen der Regierungskrise nicht angestellt werden konnten. Manchmal fällt es mir schwer, die Ruhe zu bewahren.
Als auf rasanter Fahrt auf der Teerstraße nach Bafata das Auto plötzlich zu piepsen anfängt, werde ich mit der Erklärung beruhigt, das wäre nicht schlimm, das Piepsen ist in Italien eingestellt worden, damit der Fahrer sofort merkt, wenn er die Geschwindigkeit von 120km/h überschreitet. Hilfe, und das bei den Straßenverhältnissen in Guiné!!!

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In Bafata treffen wir einen schwedischen Arzt, der schon in den 80er Jahren in Bissau gearbeitet hat und jetzt seit der Ebolaepidemie mit „Ärzte ohne Grenzen“ die Kinderabteilung des Krankenhauses in Bafata, einer weiteren größeren Stadt im Osten, versorgt. Diese Organisation beeindruckt mich jedes Mal sehr. Auch unter einfachen Bedingungen sind sie total strukturiert, natürlich auch materiell gut ausstattet, und haben in dem Krankenhaus Bereiche von akut über halbakut bis kurz vor der Entlassung eingerichtet. Sie beschäftigen einheimische Mitarbeiter, natürlich bei einem besseren Lohn. Deshalb hatten sich für die 10 ausgeschriebenen Stellen 1000 Bewerber gemeldet! Es sind 2 zusätzliche, eigentlich vorübergehende Pavillions (sie sind zu einer Dauereinrichtung geworden) und ein Übernachtungszelt für Angehörige aufgestellt worden. In den Einrichtungen ist es sehr heiß, aber die Kinder werden nach medizinischem Standard versorgt. In der Säuglingsabteilung sehen wir Drillingsschwangerschaften, einige im Inkubator, die Mutter wurde angelernt, ihre Kinder über die Sonde zu versorgen, 2 Waisenzwillinge, die das große Glück haben, dass ihre Tante sie stillen kann. Mangel an Muttermilch in den ersten Wochen und Monaten ist ein extrem hoher Risikofaktor für das Überleben. Hinter jedem dieser kleinen Geschöpfe steht eine eigene bittere Geschichte.
Spaziergang am Hafen. Diese ehemals schöne portugiesisch geprägte Stadt macht jedes Mal einen noch zerfalleneren Eindruck. Ruinen ohne Dach, am Zusammenfallen und dazwischen ganz neue Häuser. Von oben hat man einen schönen Blick auf strahlend grüne Reisfelder, ein chinesisches Bewässerungsprojekt.

Montag 19.3.18
In der kleinen Hauskapelle des Bischofs von Bafata, der uns in seinem Gästehaus beherbergt hat, wird der Josephstag begangen. Die Verantwortliche für das Haus für werdende Mütter betont den positiven Effekt unseres Djanderé-projektes (Malariavorbeugung für Schwangere) und erzählt, dass die Frauen beobachtet hätten, dass ihre Babys jetzt „sauber“ auf die Welt kämen, das heißt ohne Käseschmiere. Übersetzt hieße das, dass die Kinder länger, das heißt bis zum errechneten Geburtstermin ausgetragen würden und damit auch reifer wären. Nebenwirkungen sind keine beobachtet worden. Es entsteht die Idee, jede Wöchnerin mit einem Päckchen dieser Pflanze (Malariaprophylaxe für sie und ihr Kind) und einem Päckchen Moringa zur Anregung der Milchproduktion nach Hause zu entlassen. Als gesunden Start ins Leben sozusagen.
Fahrt nach Contubuel, große Baobabs am Straßenrand, Kapokbäume, deren in den Sträuchern hängengebliebenen Flocken im Gegenlicht wie Schneeflocken aussehen, der Schnee von Guinea. Treffen mit der anderen Hälfte der Medicina natural Gruppe. Sie sind sofort einverstanden, die Mehrproduktion für die beiden Häuser der Mütter zu übernehmen. Wollen dafür auch eine neue Moringaanpflanzung vornehmen, die letztjährige ist wieder einmal Termiten zum Opfer gefallen. Moringa heißt auf Criolo Nenebadaji. Nene übersetzt heißt Baby und badaji ist die Bezeichnung für gestampften und dann weichgekochten Reis. Auch sprachlich drückt sich hier die Bedeutung von Moringa aus.

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Die Apotheke ist sehr aufgeräumt und in einem guten Zustand. Gemeinsam überlegen wir, wie wir die Situation der Kochstelle verbessern könnten. Unter einer großen Rundhütte gibt es ein köstliches und vielfältiges Mittagessen.
Nach einer Tasse Kaffee 3 Stunden Fahrt in den Süden. Wir passieren Dörfer, die schon in den 80er Jahren ihre Produkte an die Straße gestellt haben, um den Verkauf anzuregen. Es gibt geflochtene Bambusmatten und –zäune und Kanister mit rotem Palmöl. Und natürlich Cashewfelder über Cashewfelder. Auf der Straße fliegende Händler mit Türmen ihrer Waren auf dem Gepäckträger, rechts und links am Lenker und wo sonst noch etwas am Fahrrad zu befestigen ist. Buba hat sich zu einer Stadt entwickelt, die Kreuzung der Ost-West- mit der Nord-Südachse des Landes. Vor Jahren ist ein riesig geplanter Tiefseehafen begonnen worden, um Bauxit aus dem Osten und vor allem aus Guiné-Conacry abtransportieren zu können, aber seit den politischen Schwierigkeiten ist wieder alles zum Erliegen gekommen. Vielleicht glücklicherweise, weil Guiné-Bissau nicht auf der Gewinnerseite gewesen wäre. Wir kommen abends an. Die Hauptstraße auch hier von Solarlampen erleuchtet, einige aus Wartungsmangel schon ausgefallen. Wir kommen in einer schönen Station einer Gruppe von Schwestern aus Sao-Tomé unter. Schwestern legen immer viel Wert auf schönen Blumenschmuck im Garten. Bei guiniensischen Padres gibt es ein einfaches Abendessen und portugiesisches Fernsehen für Afrika. Es ist eine wilde Mischung aus englisch, französisch, italienisch und portugiesisch, ich merke manchmal den sprachlichen Wechsel gar nicht, so schnell geht er von statten. Arnold will noch seinen Vortrag für den folgenden Tag vorbereiten, aber es ist nicht so einfach, einen Computer mit dem entsprechenden Programm und dann noch der passenden Steckdose zu finden.
Dienstag 20.3.18
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Seit diesem Schuljahr gibt es ein landwirtschaftliches Gymnasium in Buba. Ein schöner, großer Gebäudekomplex in orange-gelb gehalten und von der EU finanziert. Bis jetzt gibt es 2 Klassen. Die Schüler sind in der Mehrzahl männlich, teilweise sogar schon Gymnasiumabgänger, aber das Kenntnisniveau, vor allem was Mathematik anbelangt, wird als sehr niedrig beschrieben. Die Bibliothek ist im Aufbau, aber der Computersaal mit neuen Computern gut ausgestattet. Vor den Gebäuden liegt ein sehr großes eingezäuntes Grundstück, was als Schul- und Versuchsgarten gedacht ist. Arnold hält seine Powerpoint Präsentationen über Cashew und Bohnen. Die Schüler sind interessiert, für unsere nächste Reise werden schon weitere Themen angedacht. Unsere Befürchtung ist, dass nur wieder Leute ausgebildet werden, die in weißen Hemden am Schreibtisch sitzen. und keiner von ihnen die Hacke in die Hand nehmen will, um die Erde zu bearbeiten. Wir werden nicht müde, Vorschläge zu machen, wie man dem entgegenwirken könnte. Vielleicht sind unsere mitgebrachten Moringasamen, gedacht als innere Umzäunung des Gartens, schon ein erster Impuls der Hilfe zur Selbsthilfe.

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Wieder 3 Stunden zurück nach Nhabijom, dem Seminarzentrum vom Caritas. Unser Medizinalgarten ist im Trockenzeitmodus, das heißt, die Wurzeln von Ingwer und Curcuma im Boden, viele kräftige Aloepflanzen, Unmengen von Zitronella, aber von den restlichen Pflanzen nur noch spärliche Reste zu sehen. Der Zaun ist sehr brüchig und die Schafe haben alles abgefressen.

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Lohnt es sich den Zaun zu renovieren und den Garten aufrechtzuerhalten, nachdem wir jetzt auch die Pflanzung in Nloré haben? Wir beschließen dennoch die Neueinzäunung und daraus einen Garten mit Heilpflanzen, die der besonderen Pflege bedürfen, zu machen. Wir denken an Artemisia annua und die Testung der Anbaubedingungen von Djanderé, vor allem um die Natur durch den steigenden Bedarf nicht zu sehr zu schädigen. Ansonsten auf dem Gelände hohe, dicke Papayabäume (ist zwar der falsche Ausdruck, aber sie sind einfach so groß wie Bäume). Auch hier sollen vermehrt Bohnen angebaut werden, und wir werden ein Plakat über den Nutzen von Bohnen machen, damit auch die vielen Gruppen, die in Nhabijom Kurse abhalten, über deren Wichtigkeit informiert werden.
In Mansoa wollen wir uns mit der Bienengruppe treffen und dann weiter nach Bissora fahren. Die Naturapotheke in Mansoa ist geöffnet und einer der Mitglieder von Mednat ist dabei, den Ofen vor allem im Hinblick auf die kommende Regenzeit zu verbessern. Dann wieder eine lange, sehr löchrige Staubstraße. Es wird dunkel, auch das Hotel, in dem wir wieder übernachten wollen ist dunkel. Der Angestellte hat den ganzen Tag gewusst, dass wir kommen werden, macht sich aber jetzt erst mit seinem Kanister auf den Weg, um Diesel zu holen. So nehmen wir eben unser Abendessen, bestehend aus Bananen und Baguette, unter einem unbeschreiblich großen Sternenhimmel ein und fühlen uns wie die beiden Frösche Koko und Saburi.
Mittwoch 21.3.18
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Unser Zimmer ist heiß und dunkel, es gibt keinen Strom und leider auch kein Frühstück, weil die Köchin einen Trauerfall hat. Der Hotelangestellte führt uns die Straße entlang, zwischen heruntergekommenen Häusern hindurch, zu einem nicht sehr vertrauenserweckenden Häuschen mit ein paar wackeligen Bänken davor. Es gibt Pulverkaffee und ein halbes Baguette mit Mayonnaise, Rührei und Zwiebeln. Es schmeckt ganz gut und alle Bedenken über Salmonellen und sonstigen Erregern, die sich vielleicht in meinem Frühstück tummeln könnten, schiebe ich einfach zur Seite. Ich trinke ja auch Artemisiatee zur Malariaprophylaxe. Mit seinen vielfältigen Wirkstoffen wird er es hoffentlich schon richten. Und so sitzen wir auf der Holzbank mit Blick auf eine Garküche, wo Frauen schon in riesigen Dreifußkesseln Reis gekocht haben, wo Palmkerne gestampft werden, um rotes Palmöl zu gewinnen, und wo das Fleisch einer halben Ziege, von der immer wieder Fleischstreifen abgeschnitten werden, am Haken hängt. Dazwischen laufen Hühner und Schafe herum, immer auf der Suche nach etwas Fressbarem.

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Ältere Männer gehen vorbei und grüßen fast etwas ehrerbietig, das kommt sicher noch aus der Kolonialzeit, wo das ein „Muss“ war. Frauen balancieren große Körbe gestopft voll mit frischen Baguettestangen freihändig in dem ihnen eigenen wiegenden Gang an uns vorüber. An einem Eck kaufe ich noch einen von den bunten afrikanischen Stoffen für ein Wachsprojekt, das ich am Nachmittag mit Frauen machen möchte. Ein freundlicher und sehr kompetenter Junge ist der Verkäufer. Er erzählt, dass er in der 3.Klasse ist und nachmittags den Unterricht besucht.

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20 Imker und mindestens genauso viele Notabeln aus den Dörfern haben sich zu einer Imkereifortbildung eingefunden. Nachdem wir gehört hatten, dass das Verbrennen der Bienenvölker immer noch gang und gäbe ist, gehen wir nochmals auf eine schonende und vorsichtige Honiggewinnung ein. Leider wird bei der nachfolgenden praktischen Demonstration alles falsch gemacht, was man nur falsch machen kann. Es werden keine Handschuhe angezogen, der Bienenkasten wird einfach geöffnet, ohne die Bienen mit Rauch zu besänftigen, und das ganze Bienenvolk gerät in Aufruhr und verfolgt die Seminarteilnehmer. Das ist ein Durcheinander! Alle rennen laut schreiend und in Panik davon. Einige werden auch mehrfach gestochen. Sehr eindrucksvoll für die einzelnen. Ich weiß nicht, ob unsere nachfolgenden Erklärungen, dass die Bienen eigentlich von sich aus nicht aggressiv sind, sondern dass wir Menschen Fehler gemacht haben, etwas fruchten werden. Meine nachfolgende Kurseinheit über Honigmischungen (Honig mit Sesam, Baobabpulver, Kaffee……..) findet große Zustimmung, vor allem weil es dabei etwas zu probieren gibt. Mit einer kleinen Frauengruppe reißen wir den gekauften Stoff in Stücke und machen Bienenwachstücher daraus. Die Frauen wollen daraus Hefteinbände und Taschen machen. Er würde sich gut dazu eignen, weil seine Oberfläche durch das Wachs schmutzabweisend ist. Ach, was könnten sie alles produzieren, wenn sie nur eine Nähmaschine hätten!!!!!!!!!!

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Wieder eine furchtbare holprige Staubstraße nach Plassar, einem Dorf in der Nähe. Die dortige Frauengruppe hat um ein Treffen gebeten. Seit mehr als 10 Jahren haben sie einen 100m auf 80m großen Gemeinschaftsgarten. Im Moment hat der Generator für die Wasserpumpe Probleme, aber das werden sie selbst lösen. Wo sie allerdings Hilfe bräuchten, das ist der Zaun, der brüchig geworden ist. Es ist ein Dorf mit auffallend vielen Tieren und vor allem die Ziegen schaffen es immer wieder durch auch noch so kleine Lücken in den Garten einzudringen. Im Garten sehen wir viele auffallend gesunde Tomatenpflanzen, Zwiebeln und vieles mehr. Ein weiteres Problem ist, dass es nirgendwo auf dem Markt ein Passiergerät gibt, und sie so ihre Tomaten nicht einkochen können. Verstehe ich nicht! Ja, wegen der Kernchen, die wären nicht gut für den Bauch, dazu wird eine Handbewegung gemacht, als ob sie im Bauch wachsen würden. Hatte ich zuvor schon ein paarmal gehört. Als ich sie vom Gegenteil überzeugen will, bitten sie für das nächste Mal um eine mindestens eintägige Fortbildung in der Haltbarmachung von Gemüse. „Und das mit der natürlichen Gemüsebrühe zeigst du ihnen gleich auch“, fügt ein Mitglied der Medizingruppe hinzu.
Abends noch einmal ein Gespräch mit dem Leiter der Imkergruppe. Sie freuen sich auf die neue Honigernte im Mai/Juni und wollen dann auch die Honigmischungen herstellen. Statt ein Haus auf ihrem Gelände an der Straße zu bauen, wäre vielleicht ein Container, den man als einen Verkaufsstand nutzen könnte, die billigere Lösung. Wir werden uns gemeinsam nach den Möglichkeiten erkundigen.

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Heute war ganz unspektakulär mein 65igster Geburtstag. Arnold hat sich redlich Mühe gegeben, wenigstens ein Blümchen für mich aufzutreiben, vergebens. Es ist Trockenzeit.

Donnerstag 22.3.18
Die Köchin ist immer noch nicht gekommen, also wieder unser Frühstück mitten im prallen Leben.

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Nochmals Bohnenvortrag in einer landwirtschaftlichen Schule, aber sehr zähes Lehrer-Schüler-Gespräch. Schön angelegter Schulgarten mit Schildern mit Namen in criol und lateinisch und Anbaufläche. Dank der Bewässerung gibt es noch sehr viele Pflanzen von Piripiri, Paprika, Tomaten und der kleinen afrikanischen Aubergine. Auf dem Schulgelände wird eine Halle zur Herstellung von Cashewsaft und der Verarbeitung der Cashewnüsse gebaut. Alle Schüler müssen Hand anlegen und sie sind erst bei den Grundmauern. Die Zeit drängt. Im nächsten Monat werden die Cashews reif sein, dann muss die Halle fertig sein. An diesem Tag ist es extrem heiß und ich habe das Gefühl, meine Zehen fangen gleich das Brennen an.

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Rückfahrt nach Bissau, es bleibt uns noch eine halbe Stunde zum Essen, dann geht es zum nächsten Termin. Wir haben ein langes Treffen mit Caritas, bei dem es um Unterstützung für die Problemlösungen der Medizingruppe geht. Die Unterredung verläuft sehr positiv, wir schauen hoffnungsvoll in die Zukunft.
Noch ein paar Verabredungen und abends schon einmal das Kofferpacken vorstrukturieren. Es ist doch wieder einiges zusammengekommen.

Freitag 23.3.18
Unser letzter Tag. Schon um 8 Uhr in die Stadt zu einem Treffen mit dem Chef des Institutes für öffentliche Gesundheit. Er ist zugleich der Leiter der anderen Krankenpflegeschule und verpflichtet mich auch für sie. Eine Fortsetzung der Gesprächsreihe Schulmedizin/Kräuterheilkunde wäre auch ganz gut…..Es ist interessant, mit ihm zu reden, weil er sehr schnell Querverbindungen schaffen kann. Der einzige Nachteil ist, dass sein Büro immer so kalt wie ein Eiskeller ist. Seine Klimaanlage ist auf 17° eingestellt! Deshalb habe ich bei solch offiziellen Terminen immer meinen großen Schal dabei. Unser Terminkalender für die kommende Reise füllt sich zunehmend. Weitere Gespräche, auch unsererseits Mitwirken am großen Netz der Verbindungen.

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Ein ganz merkwürdiges Wetter heute. Die Nacht war recht kühl, aber tags ist es sehr heiß und düster. Die Sonne ist von Saharastaub verdunkelt. Nachmittags noch einmal in das Zentrum, auf zum Früchtekampf der Marktfrauen. „Heute musst du meine Mangos nehmen, du hast gesagt, wenn du nach Hause fährst, kaufst du bei mir“. Mein Wort muss ich wohl halten. Da ich auf jemanden warten muss, gehe ich in den Supermarkt „Darling“. Wohlgefüllte Regale und sogar 20 verschiedene Kräutertees, darunter sogar unser Djanderé, allerdings aus Angola. Ja, was es nicht alles inzwischen gibt, sogar eine DHL Station ist dabei, ihre Tore zu öffnen.
Zuletzt noch eine richtig herzerfrischende Begegnung. Das Bohnenlied soll uns noch kurz vor dem Abflug vorgestellt werde. Der Mechaniker kommt, begleitet von einer ganz kleinen Frau mit auffallend hoher Stimme und einem Gitarristen. Sie setzen sich hin und fangen einfach an zu singen und singen die ganzen Informationen über den Wert von Bohnen, so wie wir es uns gewünscht haben, eine schöne Melodie und ein packender Refrain. Wir sind absolut begeistert. Kleine Veränderungen und weil es so schön war, singen sie es gleich noch einmal. Ganz sympathisch! Kurz vor dem Abflug bringen sie noch einen handgeschriebenen Kostenvoranschlag vorbei. Nächste Woche wollen sie ins Studio zur Aufnahme gehen. Es könnte ein Lied sein, das Sendungen über Ernährungsthemen im Radio begleiten könnte. Mal sehen!
Zeitlich wird es jetzt knapp, ein paar noch ausstehende Verabredungen müssen wir auf das nächste Mal verschieben. Arnold muss beim Kofferpacken 3mal duschen. Ich quäle mich nach 2 Wochen Fli-Flops wieder in normale Schuhe. Um 22 Uhr zum Flughafen. Da wir sehr früh dran sind, müssen wir jeden einzelnen unserer 4 Koffer samt Koffergurten öffnen, die Zöllner hineinschauen und ein bisschen drin rumwühlen lassen und wieder verschließen. Eine Stunde später haben sie ihre Pflicht getan und die nun ankommenden Reisenden dürfen einfach hindurchgehen. Auf dem Vorplatz noch ein letztes Gespräch mit einer Freundin, die es früher nicht geschafft hat. Warten auf den Flug um 1.30h, ungewöhnlich, dass die Mehrzahl der Reisenden Europäer sind. Wieder Praia, dann einige Stunden Casablanca. Der Flughafen erwacht so langsam, draußen regnet es kräftig. Und plötzlich haben wir nach dieser extrem arbeitsintensiven Zeit nichts mehr zu tun. Wir trinken einen marokkanischen Minztee, schlendern umher, betrachten den marokkanischen Kaffeersatz aus Dattelkernen, Arganölprodukte, marokkanischen Berghonig, das Glas für 25 € , marokanisches Kunsthandwerk……. alles zu astronomisch hohen Preisen und sind dabei in Gedanken noch in Bissau.

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Im Mittelpunkt unserer Unterstützung: die Heilpflanzengruppe (MedNat) vor der Heilpflanzenapotheke in Mansoa.

Vereinsvorsitzende Dr. med. Sonja Prexler-Schwab und Dr. Arnold Schwab
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