Zweite Projektreise vom 30.11. bis 16.12.2018

Bei unserer letzten Reise im März hatten wir vereinbart, Ende des Jahres noch einmal wieder zu kommen, um einen Kurs über Pflanzenheilkunde in den beiden Krankenpflegeschulen abzuhalten. Der Termin schien vom Schulablauf her günstig, ich selbst stimmte nur halbherzig zu, da ich das Gefühl hatte, von der Adventszeit, der dunklen Zeit, die ich sehr liebe, zu wenig zu bekommen. Die Lösung bestand darin, einfach die Plätzle früher zu backen und unsere persönliche Adventszeit vier Wochen vorzuverlegen. Aber die Verbindung mit Guiné-Bissau war sehr schwierig. Die Verantwortlichen und an dem Thema Interessierten hatten ihre Posten verloren und waren durch uns unbekannte Personen ersetzt worden. Seit 3 Jahren kommt es zu permanenten Umbesetzungen. Wird ein Ministerium neubesetzt, werden alle Stellen vom Minister bis zu der Reinigungskraft oder dem Fahrer neu verteilt, entsprechend der Partei- oder Clanzugehörigkeit. Trotz intensiver Bemühungen von Freunden war ein Kontakt mit den neuen Verantwortlichen kaum herzustellen. Emails und Fragen blieben liegen, wurden nicht beantwortet. Bis zuletzt war es unklar, ob wir überhaupt fahren würden. „Ach weißt Du“, erklärte mir ein Guinienser, „wir sind tagtäglich mit so vielen Veränderungen und Unvorhergesehenem konfrontiert, dass auch wichtige Dinge oft in Vergessenheit geraten“. Verstehe ich, aber ich muss mein Leben ja auch planen. Und dennoch sind wir wieder losgezogen, mit einem sehr, wie man heute sagt, „sportlichen“ Programm und randvoll gefüllten Koffern.

Freitag, 31.11.2018

Ankunft in Bissau um 3 Uhr morgens, die Kofferkontrolle auf dem Flughafen wird uns großzügig erlassen, schnell ein paar Stunden schlafen, umpacken für die nächsten Tage. Das Frühstück ist auf 8 Uhr festgelegt. Um 9 Uhr Vorbesprechung des Kurses in der privaten Universität Lusófona. Es dauert, bis alle Verantwortlichen eintrudeln und sich dann vorgestellt haben. Wir vereinbaren einen 2-tägigen Kurs in der kommenden Woche. Ein bisschen perplex bin ich schon, als ich höre, dass die Kurseinheiten nicht so lange sein sollten, weil die Aufmerksamkeit der Studenten hier maximal eine Stunde anhalten würde. Da bin ich mal gespannt.

Geld tauschen, „schnell“ bei Caritas vorbei, aber so ganz schnell geht das nicht, weil man erst alle Bekannten begrüßen muss, und eine afrikanische Begrüßung dauert seine Zeit, und dann geht es sofort in den Süden.

Reisernte (FILEminimizer)

Beginn der Trockenzeit, der letzte Regen ist vor einigen Wochen gefallen. Obwohl das noch nicht lange her ist, sieht das Land doch schon relativ gelb-braun aus. An den Straßenrändern mehr als mannshohe gelbe Gräser, die Reisfelder schon weitgehend abgeerntet oder gerade in der Ernte. So wie früher wird Büschel für Büschel mit den kleinen Sicheln abgeschnitten und die Bündel auf Haufen oder am Straßenrand getrocknet.

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Die großen, pelzigen Fruchtkapseln hängen an ihren langen Schnüren vom weitgehend unbelaubten Baobabbaum herab, Luffapflanzen mit ihren gelben, den Gurken ähnlichen Blüten, überziehen die Sträucher, Moringabäume blühen, die knallroten Blüten des Korallenbaumes leuchten weithin, dazu blauer Himmel und strahlend heiße Sonne mit 35° C und mehr.
Nach 2 Stunden Holperfahrt über löchrige Teerstraßen machen wir Halt in Nhabijon, dem Seminarzentrum von Caritas. Seminare werden immer noch sehr häufig abgehalten und auch mit Begeisterung besucht, aber sowohl der Garten, der eigentlich auch ein Schaugarten sein sollte, und auch das Haustierzuchtprojekt, das einer der Freiwilligen vor Jahren mit Begeisterung angefangen hat, sind, bedingt durch Meinungsverschiedenheiten über die weitere Bestimmung als auch durch das Fehlen eines leitenden Technikers, in einem schlechten Zustand. Von daher ist auch unser Heilpflanzengarten schlecht gepflegt. Die Umzäunung ist niedergerissen, ein paar inzwischen große Moringabäume und ein Bixabusch, dessen Samen man zum Anfärben von Speisen verwenden könnte, wachsen ungenutzt vor sich hin. In den Beeten ein paar Aloe- und KurKumapflanzen, der Ingwer hat sich in den Boden zurückgezogen, außerhalb des Gartens viel wildes afrikanisches Basilikum. Der große Cashewbaum zeigt die ersten Blüten. Unser Plan, den Garten zu einem Ort von Djanderé Versuchsanbau und Artemisiakultivierung zu machen, ist in weite Ferne gerückt. Darüber müssen wir später noch einmal ausführlich diskutieren.
Nach dem Essen Weiterfahrt nach Cacine, einem kleinen Städtchen, fünf Autostunden entfernt, auf der südlichsten Halbinsel von Guiné-Bissau an der Grenze zu Guiné-Conacry gelegen. Die Teerstraße wird bald von einer Staubstraße in extrem schlechtem Zustand abgelöst. Aber unser Fahrer ist einer der tollen „Landstraßenakrobaten“, der in einem atemberaubenden Tanz über die gesamte Straßenbreite versucht, den Schlaglöchern auszuweichen. Manchmal klappt es allerdings nicht so ganz. Es hat schon seinen Sinn, dass die Wirbel unserer Wirbelsäule durch Bandscheiben abgefedert sind. Manchmal meint man sie geradezu stöhnen zu hören. Der Ausbau/Neubau dieser Haupt-verbindungsstraße in den Süden ist schon seit vielen Jahren geplant und auch immer wieder im Gespräch, aber entweder fehlt gerade dann die Finanzierung oder das Geld ist in andere Kanäle geflossen. Jetzt scheint das Projekt in Angriff genommen zu sein und die früher schmale Straße in eine breite Schneise umgewandelt worden, allerdings mit großen Geräten und Brachialgewalt. Die Bäume und Sträucher am Wegrand sind umgeknickt, halb herausgerissen und die nackte rote Erde sieht wie eine riesige Wunde aus. Auch wenn ich weiß, dass Transportwege für die Menschen extrem wichtig sind, und dass mit der nächsten Regenzeit alles wieder anfangen wird zuzuwachsen, tut der Anblick weh.

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Die vielen Stunden vergehen sehr schnell mit dem Erzählen von den vielen Dingen, die in den vergangenen 9 Monaten passiert sind, was gut gelaufen ist, was nicht so gut gelaufen ist. Den Menschen, die längere Zeit in dem Land leben, tut es immer sehr gut, ihre Schwierigkeiten auch einmal einem Außenstehenden erzählten zu können. Für uns immer wie ein kräftiger Tropenregen an Informationen. Aber dadurch sind wir auch wieder „up-gedated“ und schnell wieder mittendrin. Die Landschaft wird zunehmend grüner. Hier hat es zuletzt vor 4 Wochen geregnet, was man an den Resten der Pfützen auf der Straße sehen kann. Viele Palmenwälder, nur vereinzelt die alten Urwaldriesen. Kein Wunder, denn entlang der Straße sind im Laufe der letzten Jahrzehnte Felder mittels Brandrodung angelegt worden. Teilweise sind die großen Felder von wildem Grün überwuchert, aber dazwischen wachsen schon die jungen Cashewbäum-chen, die bereits nach 3-4 Jahren Frucht tragen. Viele Stücke an der Straße sind auch mit Maniok bepflanzt. Die Pflanzen mit ihren dunkel-grünen gefingerten Blätter sind schön an gehäufelt, bis zu 3 m hoch, und ergeben große kräftige Wurzeln, die, wie wir an den großen Lastwagen sehen, die uns auf der jetzt engen Straße entgegenkommen, hauptsächlich in den Senegal exportiert werden.



Die Senegalesen sind seit jeher große Händler, die die Preise bestimmen. In den kleinen Dörfern sauber gefegte Höfe um das Haus herum, nur vor Schulen und Geschäften sieht man Plastiktütchen und Abfall herumliegen. Hinter den Häusern das strohgedeckte Küchenhaus, aus dem jetzt gegen Abend schon der Rauch von den Kochfeuern aufsteigt. Frauen mit Schüsseln voll Erdnüssen und Zitronen auf dem Kopf kommen uns in stolzer Haltung entgegen. 3 kleine Jungs mit ihren 2 Hunden treten aus dem Dickicht und schauen uns nach.

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Was haben sie noch für ein tolles Leben, ungezwungen herumstreifen können und Abenteuer erleben zu können! Jungs eben, die Rolle der Mädchen ist schon wieder eine ganz andere. Die Straße ist wieder extrem, Arnold und ich sitzen vorne im Landcruiser eng beieinander. Er wird morgen wohl eine total blaue Körperseite haben!
Mit dem Dunkelwerden kommen wir in der Missionsstation von Cacine an. Ein neues Gebäude, großzügig und wohl durchlüftet und mit sehr vielen Blumengestecken und Kunstgegenständen - die Leidenschaft des dortigen Paters. Nach einer Abendmesse im Haus wunderbar frittierter Manjok und Süßkartoffeln zum Abendessen und dann endlich Schlafengehen nach diesem langen und anstrengenden Tag, umsäuselt von der kleinen Nachtmusik der Zikaden.

Samstag 1.12.2018

Die beiden Padres haben uns ein tolles Frühstück vorbereitet und weiter geht es, noch ein Stückchen weiter in den Süden. Es ist leicht neblig, die Straße ist sehr schmal, die feuchten Gräserwedel am Wegrand streifen unsere Frontscheibe. In einem Dorf sehen wir ein locker über eine Straße gespanntes Seil, die Grenze nach Conakry. Erstaunlich, dass sich 2014 die Ebolaepidemie nicht über diese eigentlich nicht existente Grenze ausgebreitet hat! Die an dem Weg gelegenen Dörfer wachen auf, die Morgenfeuer brennen. Die Häuser sind wieder eingerahmt von Maniokpflanzen, vereinzelt sieht man die unserer Calla ähnlichen Blätter (aber in XXL Ausführung) der Stärkeknolle Yams, und auf dem Boden ausgebreitet leuchtet das Weiß der getrockneten Maniokscheiben und das Gelb unzähliger Zitronenhälften. Es ist gerade Zitronenzeit. Die Früchte werden ausgepresst und der Saft zu Essig verarbeitet. Die Schalen hingegen lässt man trocknen und benützt sie dann als Zunder zum anfeuern. Auf Grund der in der Schale enthaltenen ätherischen Öle brennen sie hervorragend.

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Nach einem einstündigen Hin- und Hergeschaukel erreichen wir Cassaca. An die historische Bedeu-tung des Ortes, in dem 1964 der 1.Kongress der Befreiungsbewegung PAIGC abgehalten worden ist, erinnert ein verwitterndes Denkmal am Dorfeingang. In Cassaca wollen wir den heutigen Tag mit der einheimischen Nichtregierungsorganisation (NGO) AMEF, einer Gruppe von vorwiegend im Gesund-heitssektor tätigen Freiwilligen verbringen. Die Gruppe hatte sich in diesem Jahr vorgenommen, jeden Monat ein Wochenende lang einen unentgeltlichen Arbeitseinsatz in einem gesundheitlich unterversorgten Dorf in jeweils unterschiedlichen Regionen des Landes zu leisten. Die NGO hat etwa 50 Mitglieder und alle sind mit Begeisterung bei der Sache. Es hat fast den Geschmack von Pfadfindertum, viel Organisieren und Improvisieren ist nötig, je abgelegener das Dorf, umso besser.

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Wir hatten die Gruppe am Vortag an einer Tankstelle getroffen. Sie hatten sich mit unserer finanziellen Unterstützung einen Kleinbus gemietet, obendrauf die für ganz Afrika typischen stapelbaren Stühle und Tische festgezurrt, und waren in den frühen Morgenstunden mit 18 Leuten (sie mussten die Anzahl begrenzen, es hatten sich noch mehr Interessierte gemeldet) von Bissau aus aufgebrochen. Der Bus machte nicht den stabilsten Eindruck und wir waren sehr skeptisch in Anbetracht der extrem schlechten Straße, ob sie wohl gut ankommen würden. Sie mussten noch einige Kilometer nach Einbruch der Dunkelheit fahren, aber dann hatten sie Cassaca erreicht und dort in der Schule des Dorfes campiert. Heute Morgen, wir waren noch beim Frühstück, war schon über Whatsapp nachgefragt worden, wo wir denn blieben.
Als wir ankommen, ist schon alles im Gesundheitszentrum vorbereitet. Die Arbeitsplätze sind schon eingerichtet, die Aufgaben verteilt, ein paar einführende Worte, es ist der Welt-AIDS Tag, und los geht es. Der Chef der Equipe ordnet das anfängliche Chaos. Es gibt ein Labor, eine Arzneimittelaus-gabe (unsere Medizingruppe hatte auch ein Kontingent an Naturheilmitteln beigesteuert), eine Sprechstunde für Innere Medizin, eine für Chirurgie, eine für Kinder, eine für Gynäkologie und eine für Ernährungsprobleme, 6 Ärzte, mehrere Krankenschwestern und – pfleger, alle in ihrem weißen AMEF T-Shirts und natürlich eine Unzahl an Patienten. Ich werde dem Gynäkologen zugeteilt. Wir sitzen in einem nach hinten gelegenem und damit kühlen Raum. Ich fühle mich wie damals in den 80er Jahren. Der Raum spärlich eingerichtet mit einem Schreibtisch, 3 Stühlen und einem uralten gynäkologischen Stuhl. Und wie damals in den 80er Jahren kommen alle Frauen mit Bauchschmerzen.

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Und wie damals besteht die Aufgabe des Arztes darin herauszufinden, ob sie damit wirkliche Schmerzen oder Kinderwunsch oder ein sonstiges Problem ausdrücken wollten. Das reinste Detektivspiel! Mein Kollege führt die Befragung sehr geschickt und empathisch durch. Im Stillen stelle ich Vergleiche mit Deutschland an. Wie auch damals wird sehr großzügig mit Antibiotika, auch gerne mehrere auf einmal, und Schmerzmitteln umgegangen. Ein merkwürdiges Phänomen hat sich in den letzten Jahren wie ein Geheimtipp unter den Frauen verbreitet. Eine Mischung aus Tabak, Asche und weiteren zweifelhaften Zusätzen wird von alten Frauen, die auf Grund ihres Alters eine Beraterfunktion für die jüngeren haben, als Heilmittel gegen viele Frauenprobleme auf dem Markt unter dem Tisch verkauft. Als Folge dieser vaginalen Verwendung sehen wir viele Probleme in der Sprechstunde. Mein Kollege versucht Aufklärung zu betreiben.
In der chirurgischen Sprechstunde wird einem Patienten eine große Fettgeschwulst entfernt und bei einem kleinen Jungen eine Beschneidung vorgenommen. Das alles unter diesen bescheidenen Verhältnissen, aber handwerklich ganz korrekt. Zu größeren Operationen werden einige Patienten nach Bissau geschickt, aber mit Handynummer des jeweiligen Arztes, damit sie in der Hauptstadt in dem großen Krankenhaus auch einen Ansprechpartner haben und sie nicht so ganz verloren sind. Sehr sympathisch!

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Im Schatten eines großen Baumes essen wir das mit-gebrachte und schon am Vorabend vorbereitete Essen gemeinsam aus einer großen Schüssel. Eine sehr freundschaftliche und ungezwungene Atmosphäre. Arnold ist als Kameramann unterwegs und diskutiert lange mit dem mitreisenden Journalisten von der Zeitung „O Democrata“ (der Demokrat). Er begleitet die AMEF-Equipe bei allen ihren Einsätzen, um darüber ausführlich zu berichten. Ein geführter Abstecher in abseits gelegene Reisfelder zeigt das riesige Ausmaß des Nassreisanbaus in den Bolanhas (Reisfelder), die dem Meer durch händische Eindeichung abgerungen wurden. Ein EU-Projekt finanziert gerade die bessere Eindeichung der Reisfelder und die Erhöhung der Dämme, da mit dem Anstieg des Meerwassers die Reisfelder versalzen und somit unbrauchbar werden. An den Rändern der Bolanha wachsen hohe Ölpalmen und darunter ist fein säuberlich Maniok angepflanzt, der bereits Wurzeln gefasst hat. Der Süden von Guinea-Bissau ist die Reiskammer des Landes. Hier sind die Niederschläge mit über 2000 mm im Jahr zwar noch ausreichend für einen sehr guten Reisanbau, aber auch hier klagen die Älteren über den Weggang der Jugendlichen, die lieber in den Städten studieren und arbeiten wollen.
Im Gesundheitszentrum geht es weiter, bis die Medikamente zu Ende sind. Im Rahmen der Malariakampagne wurde die Strategie entwickelt, nur noch die Menge an z.B. Malariamittel auszugeben, deren Bedarf sich in positiven Labortests gezeigt hat. Da das aber jeder Monat je nach Malariadruck anders ist, kommt es häufig zu Engpässen. So gibt es auch hier im Gesundheitszentrum weder Tests noch Malariamittel. Es gibt noch mehr Ungereimtheiten der großen Organisationen. Bei Operationen ist z.B. der Kaiserschnitt für die Frau kostenlos. Da aber im Krankenhaus keine Materialien vorrätig sind, müssen sie oder ihre Familie alles, vom Handschuh über das Nahtmaterial bis zu den Medikamenten, vor der Operation in der der Apotheke kaufen.

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Die zuständige internationale Organisation bezahlt aber erst nach der OP, wenn die Frau schon lange wieder zu Hause ist. Wer bekommt dann wohl das Geld? Ideen zur Korruptionsbekämpfung, die so aber nicht funktionieren. Ein weiteres schwer verständliches Beispiel: die Nahrungs-mittel, die das Welternährungsprogramm für unterernährte Kinder bereitgestellt und geschickt hat, konnten wochenlang nicht aus-geliefert werden, weil das Siegel des Spender-landes fehlte! Wer interessiert sich für das Siegel, wenn aus einem großen Sack heraus die Getreidemischung verteilt wird? Das Programm hat lange stillgestanden. Ein Problem ist auch, dass die Kinder nur bis zum 5.Lebensjahr überwacht und unterstützt werden. Und was passiert mit den Kindern danach, wenn die Mütter zuvor nur immer die Nahrungsmittelempfängerinnen gewesen und nie zur Selbständigkeit angeleitet worden sind?

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Als wir nach 331 Patienten eine Abschlussrunde machen, fragen die Dorfbewohner, ob wir morgen auch noch da sind, weil dann auch die umliegenden Dörfer kommen würden. Das geht natürlich nicht, weil der ganze Sonntag mit der Rückfahrt verbracht werden muss und die Leute am Montagmorgen wieder in der Klinik stehen müssen. Alles in allem eine sehr positive Erfahrung für uns. Die Gruppe selbst ist auch sehr stolz über ihre Leistung, neben der Gratisbehandlung der Gefängnisinsassen in Bissau und Mansoa in diesem Jahr auch 10 Einsätze ihrer „Clinica móvel“ absolviert zu haben. Sie bedanken sich sehr für die Unterstützung von Tabanka e.V. Der Verein hatte die Kosten für das Anmieten des Busses und den Treibstoff übernommen. Meine Vorschläge zur Vernetzung mit der Medicina natural Gruppe und zur Nutzung der Wartezeit der Frauen zur Fortbildung in Familienplanung und Ernährung wird gerne angenommen. Nach meiner Rückkehr werde ich versuchen Richtlinien auszuarbeiten, die dieser einmaligen Aktion in einem Dorf mehr Nachhaltigkeit verleihen kann.
Wir fahren zum Übernachten wieder in die schöne Missionsstation zurück. Die Gruppe ist zweige-spalten, einige wollen noch jetzt bei Nacht nach Bissau zurückfahren. Bei dem Gedanken daran wird mir ganz mulmig. Glücklicherweise verschieben sie es doch auf die frühen Morgenstunden.

Sonntag 2.12.2018


Vor dem Frühstück ein Spaziergang ans Meer. In Cacine gibt es 2 Fischfabriken, eine südkoreanische und eine japanische, die nebeneinander am Meeres-ufer stehen. Der Hauptanteil des gefangenen Fisches wird in diese beiden Länder verschifft. Welche Gegenleistung sie wohl erbringen?

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Am Ufer liegen die typischen bunt bemalten Pirogen, wie sie auch im Senegal vorkommen. Da die Fischerträge vor der senegalesischen Küste infolge der Überfischung sehr niedrig geworden sind, fahren sie immer weiter nach Süden bis nach Guiné-Bissau und sogar Guiné-Conakry. Dabei kommt es immer mal wieder zu Konflikten mit den einheimischen Fischern.
Wir machen uns auf den Rückweg. Frauengruppen kommen uns mit ihren schweren Kopflasten entgegen. In der Gegenrichtung scheint es wohl einen Markt zu geben. Viele Tiere zeigen heute großes Selbstbewusstsein, bleiben hocherhobenen Hauptes mitten auf der Straße liegen und zwingen uns, um sie herumzufahren. In jedem Dorf steht ein kleines solides Haus, weiß und grün gestrichen, das noch aus den 80er Jahren stammt. Damals gab es die Idee, jedes Dorf mit dieser kleinsten Gesundheitseinheit auszustatten. Dort haben eine Dorfhebamme und ein Krankenpfleger mit einer Minimalausbildung gearbeitet und mit einen sehr begrenzten Medikamentenpool die Bevölkerung versorgt. Manche behaupten, es wäre das bisher beste System im Gesundheitssektor gewesen. Leider ist es nach wenigen Jahren aufgegeben worden, aus welchen Gründen auch immer. Jetzt, nach so vielen Jahren, gibt es wohl Überlegungen, das Ganze wiederaufzunehmen.
In Quebo, einer ehemaligen Garnisonsstadt der Portugiesen, sollen wir mit einem Padre nach Buba weiterfahren. Aber zuvor werden wir noch eingeladen eine ganz neue, aber noch nicht fertige Missionsstation, von Gemeinden aus dem Norden Brasiliens finanziert, zu besuchen. Wir sind beeindruckt von der riesigen Anlage und den vielen Vorhaben der Brasilianer. 80 brasilianische in Ausbildung befindliche Padres seien wohl bereit hierherzukommen, um die „guiniensische Wirklich- keit“ zu erfahren und zu studieren, teilt uns das schon rührige Verwalterehepar mit.

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Nun geht es auf einer wunderbar glatten Asphaltstraße weiter. Welch eine Erholung! In Buba kommen wir, wie auch schon im März, bei den Schwestern aus São Tomé unter. Hier gibt es sogar heißes Wasser zum Duschen, was bei der abend-lichen Kühle gar nicht so unangenehm ist. Es bleibt noch Zeit für einen Spaziergang durch das Schul-gelände des Landwirtschaftsgymnasiums. Uns bleibt fast die Luft weg, als wir nebeneinander 7 mit blauen Planen verschnürte Massey-Ferguson Traktoren aufgereiht sehen, Traktoren, die für diese kleinstrukturierte Landwirtschaft völlig unangepasst sind! Später erfahren wir, dass 26 Bauernzusammenschlüsse jeweils einen Traktor mit Scheibenegge angefordert haben, jedoch keine Wartung und Werkstätte sowie ausgebildete Fahrer und Mechaniker, geschweige denn Geld für Ersatzteile, eingeplant bzw. berücksichtigt wurden. Arbeitserleichterung durch Maschinen schön und gut, aber überlegt und angepasst! Das hätte auch die finanzgebende Organisation berücksichtigen müssen. Und jetzt stehen sie eben hier, jeder säuberlich mit einer Plane abgedeckt, eine unbedachte, teure „Hilfe“. Welch eine unnütze Geldausgabe!
Eigentlich würden wir gerne den Hafen besuchen, der für ein großes Bauxitabbauprojekt in Zusammenarbeit mit Guiné-Conakry vorgesehen ist, mit dem Verkauf der Hafenrechte an Angola für die nächsten 30 Jahre. Die Regierungsschwierigkeiten der letzten Jahre haben jedoch den Weiter-ausbau verhindert. Leider kommen wir nicht so sehr weit, weil es dunkel wird und die solar-betriebenen Straßenlampen, die im März noch ein richtiges städtisches Flair hervorgerufen haben, nicht mehr funktionieren. Die Batterien waren zu tief angebracht worden und haben wohl eine andere Verwendung gefunden.
Nun sind wir erst 2 Tage wieder hier, aber es fühlt sich an, als wären wir nie weggewesen. Welch eine Flut an neuen Eindrücken und Informationen ist über uns ausgeschüttet worden!

Montag 3.12.2018

Ein Vortrag in der kirchlichen Landwirtschaftsschule ist geplant. Die Schule ist sehr stolz, das Semester wie geplant im September angefangen zu haben, während die Lehrer der staatlichen Schulen immer noch streiken, weil ihr Gehalt schon seit Monaten im Verzug ist. Die Aula füllt sich mit Schülern der ersten 2 Klassen. Die Zugehörigkeit zeigt sich an der jeweils orangen oder grünen Farbe des T-Shirts.

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Obwohl wir auf dieser Reise sicherheitshalber unsere ganze elektronische Ausrüstung, was Beamer, Laptop und Lautsprecher anbelangt, mit uns führen, dauert es dennoch eine ganze Weile, bis auch alles läuft. Arnold hat eine Powerpoint Präsentation über die Imkerei und deren Probleme bzw. Lösungsmöglichkeiten in Guinea-Bissau vorbereitet. Obwohl durch die mangelnde Verdunklungsmöglichkeit die Bilder nicht sehr deutlich werden, sind Schüler und auch Lehrer voll bei der Sache. Vor allem die nicht endende Diskussion zeigt ihr großes Interesse. Es gibt sogar einen Lehrer, der sich spontan einen Bienenkasten anschaffen möchte. In der Abschlussbesprechung mit der Schulleitung vereinbaren wir, diese Veranstaltungsreihe mit Themen, die im sonstigen Unterricht keinen Platz finden (im März war es die Wichtigkeit der Bohnen), weiterzuführen. Klimawandel und seine Herausforderungen für die kommenden Jahre könnte ein Thema für die nächste Reise sein. Da wir unsere Rolle auch im Mitbringen neuer Ideen sehen, stellen wir eine interessante Website im Internet vor. Kleine didaktisch gut gemachte Videos aus Afrika über landwirtschaftliche Probleme und die Verarbeitung der Produkte, so z.B. über das Trocknen von Bohnenblätter zur Nahrungsaufwertung, Herstellen von Bananenmehl aus grünen Bananen, Kochen von Tomatenkonzentrat, aber auch über den Anbau von Sesam, Maniok und von Mischkulturen.

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Rückfahrt nach Bissau. Selbst die in den letzten Jahren erneuerte Hauptverbindungsstraße der Ost-Westachse ist in einem schlimmen Zustand. Die Asphaltdecke war von Anfang an zu dünn ausgelegt worden für die klimatischen Anforderungen und das jetzt hohe Verkehrsaufkommen. Vor allem große LKWs haben zugenommen für den hauptsächlich in den Senegal erfolgenden Abtransport der landwirtschaftlichen Güter oder für den Transport der Cashewkerne in die großen Lagerhäuser von Bissau oder für den im Untergrund weiter bestehenden illegalen Holzabtransport in den LKWs mit den geschlossenen Containern. Es wird gemunkelt, dass China eine wenige Kilometer lange Autobahn aus Bissau heraus am Flughafen vorbei bauen will und vielleicht auch gleich einen neuen Flughafen, weil dem bisherigen auf Grund seiner Mängel der Status der Internationalität aberkannt worden ist. Alle setzen große Hoffnung in eine neue Regierung. Die Wahlen hätten eigentlich schon im November stattfinden sollen, aber die Registrierung der Wahl- berechtigten ist noch nicht abgeschlossen. Neue Termine sind Mitte Januar oder gleich März, was wohl am wahrscheinlichsten ist. Und bis dahin läuft erst einmal alles weiter so wie bisher – und natürlich das Schaulaufen der Aspiranten auf einen hohen Posten.
In unserem „Basislager“ in Takir Koffer auspacken und für die nächsten Tage ordnen, was wohin mitgenommen werden soll. Herzliche Begrüßung durch die Padres. Auch die Gärtner freuen sich, uns zu sehen. Der Garten ist wie immer in einem guten Zustand. Anzuchtbeete in alten LKW Reifen, eine große Bananenpflanzung, Bohnen, Okra, Salat, Basilikum, Gurken, Kohl. Einige Tage später wird mir das Foto einer 2 Meter langen Speikobra gezeigt, die bis vor Kurzem auch in diesem Garten gewohnt hat.

Dienstag, 4.12.2018

Heute soll die Veranstaltung in der Krankenpflegeschule stattfinden. Obwohl eigentlich der Beginn um 9 Uhr vereinbart gewesen war, sind der guiniensische Biologe, den ich als Mitarbeiter habe gewinnen können, und wir die einzigen, die pünktlich sind.

In der Halle eine große Musikanlage, die gut aufgedreht ist. Verbindungskabel müssen besorgt werden………….gegen 10 Uhr fangen wir an. Mein Kollege hält eine sehr gut ausgearbeitete und gut aufgebaute Powerpoint Präsentation über Ethnobotanik und Ethnomedizin und berichtet sehr einfühlsam über seine Arbeit auf den vorgelagerten Bijagosinseln und seine Befragung der traditionellen Heiler. Phantastisch!


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Eine Botschaft der Ehrerbietung und des Respektes gegenüber der Erfahrungsmedizin, die er den Schülern vermittelt. Da komme ich mir mit meinem Thema über den medizinischen Wert der Bäume in Guinea-Bissau ganz klein vor. In einem Vorspann versuche ich zuerst den Wert der Bäume als Garant unseres Klimas aufzuzeigen und natürlich auf der anderen Seite die Folgen der Abholzung. Im Laufe unsere Reise werde ich zufällig im Radio hören, dass in GB pro Jahr zwischen 60 und 80 000 Hektar Wald abgeholzt werden! Um die Zukunft nicht ganz so schwarz aussehen zu lassen und als Beweis dafür, dass jeder einzelne etwas dagegen tun kann, stelle ich die Arbeit der Umweltaktivistin und Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai aus Kenia mit ihrer Green Belt Bewegung vor und die Aktion plant-for-the-planet, wo sich aus einem Schulreferat eine weltweite Bewegung entwickelt hat und Kinder in 10 Jahren 15 Billionen Bäume auf dieser Welt gepflanzt haben. Ich hoffe, der Funke springt über!

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Wurzeln, Rinden und Blätter vieler Bäume besitzen viele effektive Inhaltsstoffe (ähnlich der Chinarinde) und können zur Behandlung von Malaria, bakteriellen Erkrankungen usw. eingesetzt worden. Die pharma-zeutische Industrie hat auf der Suche nach neuen Medikamenten viele Einzelstoffe extrahiert und daraus Arzneimittel hergestellt. Viele andere Wirkstoffe sind in den Labors synthetisiert worden. Bei der Wurzel eines westafrikanischen Baumes passierte jedoch etwas Spannendes: der Wirkstoff eines synthetisch erzeugten, stark wirkendenden Schmerzmittels (Tramadol) ist viele Jahre später als natürlicher Wirkstoff in der Wurzel dieses Baums gefunden worden. Die Natur ist den Menschen doch noch immer voraus!

Mittwoch, 5.12.2018

Nach den üblichen Anfangsschwierigkeiten das Thema: medizinischer Wert von Früchten und Gemüsen, z.B. die Möglichkeiten der Wundbehandlung mit Papaya, Behandlung von Blutarmut mit Moringa, usw. Was auf besonders intensive Aufmerksamkeit stößt, ist das gemeinsame Herstellen einer Creme mit moskitoabstoßender Wirkung. Als es dann an die Verteilung der Proben geht, bricht ein großer Tumult aus, weil ich nur 50 kleine Gefäße dabei habe, aber zwischenzeitlich etwa 100 Teilnehmer anwesend waren. Mit Hilfe des Studentensprechers können wir eine Lösung finden.
Insgesamt war diese Veranstaltung ein erfolgreicher Ansatz, sollte aber auf eine kleinere Gruppe begrenzt werden. Das andauernde Kommen und Gehen durch den parallel normal weiterlaufenden Unterrichtsbetrieb war sehr störend.

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Die Universität denkt daran, in Zukunft einen 3 monatigen Kurs in Pflanzenmedizin in das Curriculum aufzunehmen und ihre Aktivitäten mehr in Richtung Forschung auszudehnen. Ein spannender Ansatz!
Trotz der Hilfe vieler Freunde gelingt es uns nicht, eine ähnliche Veranstaltung auch in der staatlichen Krankenpflegeschule abzuhalten. Wo war der bremsende Sand im Getriebe? Leider werden Dinge nicht offen angesprochen, und so verstehe ich es bis heute nicht, auch wenn nach meiner Rückkehr ein versöhnliches Email eingetroffen ist.
Der Markt in Bissau hat sich enorm entwickelt. Es gibt inzwischen eigentlich alles. Von einem Schreibwarengeschäft mit Druckern und Druckereibedarf über ein Geschäft für Landwirtschafts-bedarf mit Reisschälmaschinen und Sämereien bis zu der Möglichkeit, einen Flachbildschirm zu kaufen. Ich sehe sogar ein Geschäft, in dem man indisches Echthaar zur Haarverlängerung kaufen kann, wohl etwas, was man sich vor allem zu Weihnachten gönnt, wenn man das Geld dazu hat. Der Obst- und Gemüsemarkt hat an Vielfältigkeit zugenommen.
Es gibt zur Zeit Guavas und Maracujas, Orangen, Bananen. Was neu ist, sind die zu Pyramiden geschichteten gelb-grünen Äpfel. Es scheint, als ob Europa oder auch Südafrika ihre Äpfel jetzt in Afrika vermarkten würden. An einem Stand entdecke ich ein Gläschen mit einem grünen Pulver. Ich bekomme die Auskunft, dass es Moringapulver wäre.

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Die Marktfrau fragt mich, ob ich denn wüsste, was Moringa sei!!! Moringa auf dem Markt – das Ergebnis unserer großen Moringakampagne mit dem Moringa-Rap vor einigen Jahren! Ist es nicht phantastisch?
Auch das Angebot an Restaurants hat zugenommen, und man hat Auswahlmöglichkeiten an diversen internationalen Küchen. Ein riesiges glasverspiegeltes neues Hotel und Tagungszentrum ist entstanden, das „Ceiba“, übersetzt: der Kapokbaum, das sind große Bäume mit enormen Brettwurzeln, die eine wichtige spirituelle Bedeutung als Sitz der Geister haben.
Der Satz „es gibt alles“ gilt auch für den privaten Gesundheitssektor. Wir werden durch ein von Italienern erbautes und noch immer von ihnen weiter finanziertes Krankenhaus geführt. Es hat den klingenden Namen „Morgenröte“. Wir sehen dort ein nach europäischem Standard eingerichtetes Behandlungszimmer eines Zahnarztes, eines Kardiologen und den einzigen Produktionsort von Sauerstoff in ganz GB.

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Im Aufbau befindet sich ein Gebäude für einen Magnetresonanztomographen (MRT), dem ersten und wahrscheinlich für lange Zeit einzigen in GB, und eine sich im Bau befindende Dialyseeinrichtung. Angeschlossen ein viele Hektar großes Gelände, das landwirtschaftlich genutzt werden könnte, ein Kindergarten, eine Schule, ein Lyceum, eine Bäckerei und eine Näherei.

Donnerstag, 6.12.2018

Der Fahrer kommt eine Stunde früher als vereinbart – sehr ungewöhnlich -, um uns weiter nördlich nach Bachil in die Lehrerausbildungsstätte zu bringen. Die 3-jährige Ausbildung der Lehrer endet immer mit einer 3-monatigen Rundfahrt mit dem schuleigenen Bus durch die Nachbarländer, um zu sehen, wie die Situation, was Schulbildung, Gesundheit, Landwirtschaft, Kultur anbelangt, dort ist. Da die Hälfte der Schüler und Lehrer an Malaria erkrankt waren, entstand von Seiten des Direktors der Wunsch, etwas über die natürliche Malariaprophylaxe zu erfahren.

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Ein Kurs hier ist immer gut vorbereitet und strukturiert, die Schüler diszipliniert, natürlich besonders, wenn der Direktor am Unterricht teilnimmt. Ich stelle das Bild von Malaria vor, den Übertragungsweg, wie man die Verbreitung eindämmen kann und einige Heilpflanzen. Der Höhepunkt ist wieder die Zubereitung der mosquitoabwehrenden Creme aus einer Pflanze, die auf dem Gelände wächst. Vielleicht lässt sich im Schulgarten auch Artemisia anzüchten. Der Garten ist gut eingezäunt, Beete mit Okra sind angelegt, aber treibt sich da nicht schon wieder ein Schwein darin herum?
Neue Ideen, die wir für die Schule mitbringen, wäre ein kleines Recyclingprojekt, z.B. eine Bank für den Hof, aus Plastikflaschen zu bauen, die Schüler sind voller Begeisterung! und mit 2 Schulbienen-stöcken anzufangen, um die Botschaft von der Bedeutung der Bienen für die Landwirtschaft in den Dörfern zu verstärken. Auf dem Rückweg halten wir bei einem erfahrenen Imker an, den wir als Paten für die Schule gewinnen können. Es freut uns, dass er unser Bienenbüchle sehr erfolgreich in seiner Arbeit einsetzt. Dieses Jahr gab es eine schlechte Honigernte wegen einer Invasion des kleinen Beutenkäfers, der die Bienen vertrieben hat. Bereits 2016 hatte Arnold in einer Präsentation auf die Gefahren, die den Imkern durch den sich ausbreitenden kleinen Beuten-käfer und seinen Maden drohen, hingewiesen und Gegenmaßnahmen aufgezeigt. Um Maßnahmen zu seiner Bekämpfung zu ergreifen, wurde nun eine nationale und internationale Plattform gebildet.

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Wir freuen uns, auf dem Heimweg viele Bohnenfelder zu sehen. Jede Region hat so ihre Anbaueigenheiten. Hier die Bohnen, in einem anderen Dorf nur Süßkartoffeln, in einem weiteren nur Kürbisse und in einem Dorf im Nordosten Unmassen von Wasser-melonen, die zurzeit den Markt in Bissau überschwemmen. Irgendwie ist heute der Tag der Straßenpolizeikontrollen, aber selbst gegen unsere Kanister voller Palmwein, die wir jemanden mitbringen sollen, haben sie nichts einzuwenden. Wir kommen leider zu spät am Abend an einer Werkstatt vorbei, die jetzt auch Bienenkästen, Smoker und sogar Schutzanzüge herstellen soll. Schade! Noch schnell zum Markt. Bepackt, müde und klebrig sehnen wir uns nur noch nach einer Dusche.

Palmwein (FILEminimizer)

So vergehen die Abende immer mit Einkäufen für die folgenden Kurse, Gesprächen mit Projekt-partnern und Behandlungen von Patienten. Die Tage sind so voll gepfropft, dass nach dem Abendessen gerade noch Zeit für eine kurze Vorbereitung des folgenden Tages bleibt. Die Nächte sind von den Temperaturen her angenehm, mehr als ein Leintuch braucht man nicht. Und wenn nicht gerade ein Generator in der Nähe die ganze Nacht hindurch läuft oder die Bässe einer Disko wummern, sind sie auch erholsam.

Freitag, 7.12.2018

Bissora soll heute unser Ziel sein. Aber wir kommen stundenlang nicht aus Bissau heraus, weil die Fahrbahn gesperrt ist. Wir vermuten, dass der Präsident zum Flughafen fährt, aber es stellt sich heraus, dass der Grund eine Lehrerdemonstration ist. Immer noch gibt es kein Gehalt und deshalb tägliche Demos. Als Steigerung des Protestes hat eine Gruppe sogar beschlossen, vor dem Erziehungsministerium auszuharren und auch dort zu schlafen. Diese Demonstranten beschließen jedoch, sich gerade vor uns auf der Straße in einen Sitzstreik zu begeben. Nichts geht mehr.

Bissau-Verkehr (FILEminimizer)

Am Straßenrand die Verkäufer mit ihren Kühlboxen, aus denen sie ihre Plastikbeutel mit mehr oder weniger kühlem Wasser oder die kleinen Säckchen gefüllt mit Wassereis oder einer Art Joghurt ziehen, oder auf kleinen Tischchen Früchte oder kleine Kuchen zum Kauf anbieten. Im Hintergrund die großen Reklametafeln der Mobilfunkfirmen und Banken, oder es wird der hohe Ernährungswert von aus dem Ausland importierten Joghurts angepriesen. Aber immer wieder sehen wir große Tafeln, auf denen steht: „die Beschneidung von Mädchen ist nicht die 5.Säule des Koran! Schützen wir unsere Mädchen“.
Irgendwie kommen wir so nicht weiter, wir drehen um, und Arnold lotst den Fahrer aus der Stadt. Unterwegs gibt es immer wieder Eigeninitiativen von jungen Männern, die die Löcher in der Straße mit Sand zuschaufeln und dafür einen kleinen Obolus erbitten. Leider fahren die meisten Autofahrer einfach vorbei.

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In Bissora hält Arnold vor den Beratern der Farmers Clubs, einer Einrichtung von ADPP, die Anbau- und Lebensbedingungen auf den Dörfern zu verbessern, einen Vortrag über die Möglichkeiten, anbaumäßig den Klimaveränderungen zu begegnen. Die Monokultur von Cashew und der Austausch der Nüsse gegen importierten weißen Reis verhindert die Entwicklung einer nachhaltigen Landwirtschaft, von der gesunden Ernährung ganz zu schweigen. Dabei gibt es schon neue, trocken-resistente und ertragsreiche Sorten von verschiedenen Hirsearten, Maniok, Bohnen und Kartoffeln. In dieser Region haben die Cashewbäume in diesem Jahr schon große Ertragsausfälle gezeigt. Sie haben zwar kräftig geblüht, dann aber in Folge der Trockenheit ihre Blüten abgeworfen. Auch viele Brunnen sind ausgetrocknet. Die Ausbilder haben schon viele Kenntnisse in diesem Bereich, sehen aber auch die Schwierigkeiten, gegen festgefahrene Meinungen anzukämpfen. So ist Hirse, eigentlich ein gutes und wertvolles Getreide, nur etwas „für arme Leute“. Das einzige, was zählt, ist Reis. Alles soll am besten blütenweiß und in großer Menge vorhanden sein: Reis, Zucker, Weizen-mehl. Früher war Afrika der Kontinent der Infektionskrankheiten, heute zunehmend der Zivilisations-krankheiten, wie Zuckerkrankheit, Herzinfarkt, Schlaganfall.
Nach dem Vortrag werden wir durch die neuerbaute Cashew Rösterei geführt. Am Eingang die Sortiermaschine, die die Kerne in 5 Größen sortiert, wobei die Sorten hier nur die 3 kleinsten Größen erreichen. Danach in einem großen Kessel kontrolliertes Erhitzen mit heißem Wasserdampf, dass sich der Kern von der Schale löst. Als nächstes vorsichtiges Knacken der Schale, wobei nur die intakten Kerne auch einen guten Preis erzielen.

Bissora-Cajufabrik (FILEminimizer)

Danach Rösten in einem Ofen. In der angrenzenden Halle sitzen 10 Personen, vorwiegend Frauen, die die dünne innere Haut noch mit einem Messerchen abkratzen. Sauber, weiß und intakt müssen sie sein, die Kerne! Welch eine Arbeit! Wir in Europa wissen gar nicht, was alles dahintersteckt. Die luftdicht abgepackten 25kg Beutel sind von einer deutschen Firma bestellt worden. Bioqualität.
In Bissora findet der freitägliche Wochenmarkt statt. Das gesamte Zentrum ist total mit Ständen vollgestopft und mitten hindurch läuft der Hauptverkehr, obwohl es auch die Möglichkeit der Umleitung gäbe. Farbenfroh, laut, geschäftig.
Auch die Imkerkooperative in Bissora hat dieses Jahr mit 200 kg Honig nur wenig Ertrag erzielt und schon alles verkauft. Honig mit Zusätzen, wie Cashewkernen oder Sesam, findet nur geringen Absatz. Die Körpercreme ist durch den Zusatz eines ätherischen Öls im Geruch verbessert worden. Hin und wieder wird eine Kerze für eine Kirche bestellt. Man verspricht sich eine Absatzsteigerung durch den Bau eines Zentrums an der Straße. Unser Vorschlag, klein anzufangen und sich mit einem Container zu behelfen, konnte nicht realisiert werden, da im Gegensatz zu den vergangenen Jahren die eintreffenden Container nur geleast sind und gleich wieder mit dem Schiff in das Herkunftsland zurückgehen.
Auf dem vor einigen Jahren gekauften Grundstück ist man schon am Brunnenbohren. In Handarbeit soll er 15m tief gebuddelt werden. Als nächstes will man die Lehmziegel produzieren, und wenn die getrocknet sind, soll es losgehen. Leider steht auf dem Grundstück ein riesengroßer Bissilon, ein afrikanischer Mahagonibaum, ein Baum, der in portugiesischer Zeit entlang der Straßen gepflanzt worden ist, und dessen Rinde abgeschnitten wird, um daraus einen Tee gegen Fieber oder auch Malaria herzustellen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn schützen kann, da sein Holz einen beträchtlichen Wert hat und den Hausbau finanzieren könnte.

Bissilon-Rinde als Heilmittel (FILEminimizer)

Abends beziehen wir wieder das weit und breit einzige und somit „beste“ Hotel. Die Nachbarsfrauen freuen sich, uns wiederzusehen. Allerdings fehlt so einiges im Zimmer. Keine Handtücher, nichts zum Zudecken, kein Licht und kein Klopapier. Als ich danach frage, heißt es einfach: „das ist zu Ende gegangen“. Okay, dann kaufen wir es eben auf dem Markt, aber anscheinend ist dieser Artikel so ungewöhnlich, dass die Verkäufer mir alles Mögliche stattdessen andrehen wollten mit der ernsten Bekräftigung: „das nehmen die Weißen immer“. Wir haben uns letztendlich mit Papierservietten beholfen. Danach das für uns dort typische Abendessen: Baguette mit Banane und Guavasaft. Leider können wir es draußen wegen der vielen Mosquitos nicht genießen.

Samstag 8.12.2018

Die Buden sind verschwunden und die Abfallmengen schon zusammengekehrt. Die Frühstücksstände sind am Wachwerden. In Bissora spürt man, dass in und auch nach der Kolonialzeit viele Weiße hier gelebt haben. Von älteren Männern werden wir fast ehrerbietig gegrüßt, Kinder rufen oft „Branku“ (Weißer) oder „Tuga“ (die Abkürzung von Portugiese), um unsere Aufmerksamkeit zu erlangen, und als wir uns auf einer Bank zum Frühstück niederlassen wollen, ruft ein Mann von der anderen Straßenseite dem Besitzer zu: „was fällt dir ein, nicht einmal den Boden zu kehren, wenn ein Branku zu dir kommt“! Aber es gibt Nescafé, für mich heißes Wasser, um meinen Artemisiatee zur Malariaprophylaxe aufzugießen und ein halbes Stangenweißbrot mit frischem Rührei und Zwiebeln belegt. Die Mayonnaise lehne ich ab.

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Wir fahren auf einer ultraschlechten Straße ein paar Dörfer weiter nach Blassar. Viele Palmenwälder, Cashewbäume, unter denen schon das hohe Gras beseitigt worden ist zum Schutz gegen eventuelle Feuerbrünste und eine wunderschöne alte, schattenspendende Bissilonallee. Auf die Entfernung von Rindenstückchen reagiert der Baum mit einer kräftigen Narbenbildung, so dass die Stämme im unteren Teil ganz knotig und verknorpelt aussehen. Wurde die Rinde erst vor kurzem entfernt, leuchtet die Stelle wie eine rote Wunde. Manchmal wird sie auch mit Lehm verschmiert, eine Form der Wundbehandlung.

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Die Frauengruppe von Blassar, der wir im März die Umzäunung ihres großen Gemüsegartens finanziert hatten, hat sich eine Fortbildung über die Konservierung von Gemüse gewünscht. Und wie chic sie sich gemacht haben! Sie haben wohl zig Meter eines intensiv gelben Stoffe mit grün-rotem Muster gekauft. Die auf einer Seite des Stoffes liegende Borte hat der Schneider ganz unterschiedlich drapiert, dazu noch unterschiedliche Schnitte verwendet. Herausgekommen sind ganz individuelle Gewänder mit einer sehr fröhlichen Wirkung. Ich hatte während unseres heißen Sommers gute Möglichkeiten Gemüse und Obst zu trocknen und damit viele „Probiererle“ dabei, was natürlich die Aufmerksamkeit beträchtlich hebt. Wir hatten einen Trockenkorb für den Hausgebrauch und einen Trockentisch entwickelt und in den wenigen Stunden, die wir dort sind, erzielen wir schon beeindruckende Ergebnisse. Ein teilnehmender Mann, der das Korbflechten beherrscht, bekommt gleich viele Aufträge von den Frauen. Mal sehen, ob sie auch die Gemüsebrühe herstellen werden. Ich nehme die Gelegenheit wahr und erkläre gleich noch unsere Familienplanungsmethode. Im Anschluss zeigen wir noch 2 Videos über die Herstellung von Tomaten-konzentrat und die Konservierung von Zwiebeln und wie bei einigen der anderen Veranstaltungen auch, verteilen wir Saatgut der Meterbohne.

Blassar-Geschenke der Frauen (FILEminimizer)

Wie immer sind solche Veranstaltungen abwechslungsreich. Plötzlich brüllt ein Handy auf, Hähne krähen unter dem Fenster, Babys werden unruhig. Zum Abschluss werden uns feierlich Geschenke überreicht – große Tüten von im Dorf gerösteten Cashewkernen und ein gewebtes Streifentuch. Pläne für die Zukunft wären die Finanzierung eines Projektes der Salzgewinnung mit Hilfe der Sonne, um Feuerholz einzusparen (die Verbindung mit einem dafür Verant-wortlichen aus dem Norden haben wir schon hergestellt) und in fernerer Zukunft die Unterstützung beim Neubau eines Hauses zur Cashew Verarbeitung. In dem Dorf sind von den Portugiesen schon vor dem Unabhängigkeitskrieg Cashew Bäume angebaut worden. Einer dieser Veteranen wächst mitten im Dorf.
Gemeinschaftliches Essen unter dem großen Bissilon, eine ganz friedvolle, entspannte Atmosphäre. Jede Frau hat ihr Schemelchen mitgebracht und hockt darauf. Babys, die gerade das Laufen lernten, tapsen von einem zum anderen, Hühner picken die herabgefallenen Reiskörner auf, Hunde schnappten sich die Knochen und legen sich in den Schatten, ein bisschen weiter weg spielen größere Kinder ein Kreisspiel mit Abwerfen mit einem Schlappen. Es wird der eigentlich aus Marokko kommende typische Minztee gereicht – das erste Glas bitter wie das Leben, das zweite süß wie die Liebe, das dritte sanft wie der Tod.
Im Dorf gibt es eine von Schwestern begleitete Schule in Selbstverwaltung. Da hier der Schulbetrieb im Gegensatz zu den staatlichen Schulen immer aufrechterhalten wird, schicken Eltern bis aus Bissora ihre Kinder hierher, mit der Folge, dass die Schule aus allen Nähten platzt. Zu den vorhandenen 3 Räumen wurden noch 2 Räume aus Palmwedeln dazu gebaut, was aber in der Regenzeit keine wirkliche Lösung darstellt. Deshalb ist jetzt mit der Unterstützung von Tabanka e.V. ein Neubau für 2 Klassen-zimmer im Entstehen.

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Auf dem Rückweg kommen wir an einem an der Straße unter den großen Bäumen gelegenen Stampfplatz vorbei. Viele Frauen jeden Alters, sogar kleine 8jährige Mädchen, schwingen den großen Stößel. Wir kommen ins Gespräch und sie erlauben uns Bilder zu machen. Eine alte Frau will unbedingt ein Bild von sich, und als sie es dann sieht, muss sie furchtbar lachen. Klar, sie hat ja noch nie ein Bild von sich gesehen. Mir geht es so ähnlich, wenn ich mich nach 2 Wochen Afrika wieder im Spiegel betrachte.
Es wird eine ganz feinkörnige Fingerhirse mit dem Namen Fonio gestampft, sehr gut für die Kleinkindernährung. Als wir gehen wollen, wird uns vorgeworfen, ihnen nicht einmal unseren Namen gesagt zu haben. Wahrscheinlich werden sie ihn nächstes Jahr, wenn wir wieder vorbeikommen, noch wissen. Und das nächste männliche Baby soll Arnaldo heißen!

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Am Abend Bummeln über den Markt. Es gibt frische Erdnüsse, in jeder Auslage Maggi-würfel, Seife, Päckchen grünen Tees für den Minztee und in einem Stand sogar biologisch abbaubare Plastiktüten. 2 freundlich drein-schauende afrikanische Hunde, mit dem rehbraunen Kurzhaar und der weißen Schwanzspitze balgen sich und kugeln übereinander. Männer vom Hotel sind in 2 Bäume gestiegen und versuchen eine nach unten durchhängende elektrische Leitung höherzulegen. Sieht gefährlich aus! Wir schauen mit gemischten Gefühlen der Nacht entgegen. Heute soll neben unserem Haus wieder Disko sein.

Sonntag, 9.12.2018

Um 8 Uhr besuchen wir die Kirche in Bissora, ein großes helles Rundgebäude mit Malereien an den Wänden und wie immer sehr voll. Die Messe wird von einem Chor und Trommeln begleitet. Später spricht mich eine junge Frau an und ist ganz enttäuscht, dass ich sie nicht wiedererkenne. Sie ist die engagierte Direktorin einer anderen Dorfschule, die wir vor 3 Jahren renoviert haben. Es ist mir doppelt peinlich, ihren Namen vergessen zu haben, nachdem mir eine der Schwestern später ein Geschenk von ihr überreicht - einen Stoff und ein schön gestaltetes Bild mit den beiden Fröschen unseres Büchleins. Das Buch hatte wohl sowohl unter den Lehrern als auch Kindern großen Anklang gefunden und ist intensiv bearbeitet worden. Sehr schön!
Mittagessen bei den Schwestern mit wunderbarer Avocadocreme und Baobab Eis, neben dem Haus donnern die Bässe, eine Veranstaltung des Roten Kreuzes. „Als ob die Menschen die Stille nicht aushalten können“. Vielleicht.
Wir fahren nach Mansoa, wo die Fortbildung der Gruppe Medicina natural stattfinden soll. Alle freuen sich über das Wiedersehen, immerhin kennen wir uns jetzt seit 2005. Die Probleme des letzten Treffens bestehen immer noch. Die Suche nach einem neuen Haus geht weiter. Das, das ins Auge gefasst worden war, ist wahrscheinlich zu teuer. Die Gruppe ist immer noch nicht an Mitgliedern gewachsen. Man denkt deshalb darüber nach, einen 2 bis 3 monatigen Kurs in Pflanzenheilkunde für maximal 5 Teilnehmer zu veranstalten.

Montag, 10.12.2018

Auch dieser Tag vergeht hauptsächlich mit Problemlösungsversuchen. Die Diskussionen dauern immer ewig, und es ist sehr schwierig, den Prozess abzukürzen, ohne jemanden zu beleidigen. Ich werde dieses Mal im Pluralis majestatis mit „mulher grande“, was in Deutsch übersetzt „Großmutter“ heißt, angesprochen. Was ist los? Bin ich so gealtert, oder ist es ein Zeichen des Respektes?

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Da die Clinica móvel von AMEF auch Medikamente abnehmen wird, muss die Produktion gesteigert und erweitert werden. In unserem Moringagarten in Nloré kommen immer noch Übergriffe vor, mal gibt es kein Wasser zum Gießen, mal werden unsere Werkzeuge anderweitig gebraucht. Man wird versuchen, einen neuen Verantwortlichen zu finden und regelmäßig die Kontrolle auszuüben. Wir nehmen reife Grapefruits mit und junge Baobab Blätter, aus denen zusammen mit Okra Blättern ein Gemüse zubereitet werden wird. Auf dem Rückweg bohrt sich ein spitzes Ast Stück in unseren Reifen und die Luft entweicht geräuschvoll. Also in der Fast-Dunkelheit Reifen wechseln. Da genügend Männer dabei sind, genieße ich den glutroten Sonnenuntergang über den Graswedeln und die friedliche Abendstimmung. Abends sieht einfach alles viel milder aus und duftet intensiver.
Nach dem Abendessen versuchen wir Filme zu zeigen, aber der Solarstrom aus den Batterien reicht nicht für den Projektor. So wird der Filmabend auf den nächsten Abend verschoben. Nachts das Bellen der Hunde, dann totale Stille, bis uns um 5 Uhr der Gesang des Muezzins weckt, dann wachen im Morgengrauen zuerst die Hähne und zuletzt die Hunde auf.

Dienstag, 11.12.2018

Heute wollen wir noch einmal ganz minutiös jeden Produktionsschritt zur Herstellung eines Pflanzensirups praktisch durchgehen. Wir haben damit gerechnet, die Geräte, die wir zur besseren und leichteren Zerkleinerung von Wurzelmaterial in Deutschland besorgt und im Juli schon nach Italien in den Container geschickt haben, zur Verfügung zu haben. Das Schiff ist zwar schon angekommen, liegt aber noch draußen vor dem Hafen. Bis es ausgeladen ist und die Ware den Zoll passiert hat, werden wir wohl schon längst wieder zu Hause sein.
Viele Unklarheiten, was den Herstellungsprozess anbelangt, können beseitigt werden. Die Gewinnung des Pflanzen-materials wird jedoch zunehmend schwieriger, weil auch andere Leute den Wert von Heilpflanzen erkannt haben und sie Säckeweise in den Senegal verkaufen. Leider wird dabei nicht mit Sorgfalt vorgegangen und sehr viel zerstört. Es gibt schon Regionen, in denen viele Heilpflanzen bereits ausgestorben sind. Andererseits gibt es Leute, die mit dem Rucksack von Dorf zu Dorf ziehen und Heilpflanzen-präparate sehr zweifelhafter Herkunft verkaufen. Die Möglichkeiten, eine gute und verantwortungsbewusste Arbeit zu leisten, werden immer beschränkter und das Missbrauchs-potential immer größer.

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So hoffen auch wir auf eine engagierte Regierung, die dem Naturschutz hohe Wertigkeit einräumt. Vielleicht werden sich im nächsten Jahr auch die Verantwortlichen an einen Tisch holen lassen, um Schutzgebiete auszuarbeiten. Ein Problem wird wahrscheinlich die Überwachung werden.
Abends können wir dann die Filme im Nachbargebäude bei Radio Solmansi zeigen. Besonders die Herstellung von Bananenpulver wird lautstark diskutiert.

Mittwoch, 12.12.2018

Die Gruppe will ihre Radiosendungen über den Wert einzelnen Heilpflanzen und ihre Verwendung in der Familie wieder aufnehmen. Heute müssen noch einzelne Aufzeich-nungen gemacht werden. Und da ich schon mal da bin……..

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Rückfahrt nach Bissau. In den Reisfeldern blühen an langen Stängeln die weißen Seerosen. Für den Nachmittag haben wir ein eng im Stundenrhythmus getaktetes Programm. Besprechungen zur Nachbereitung schon abgelaufener Veranstaltungen, Vorbereitung neuer Ideen. Eine der Ideen ist die Produktion eines neuen Liedes über den Wert der Bienen für uns Menschen. Als ich den Chef der Gruppe, die den Bohnensong gemacht hat, anrufe, denkt er kurz nach und ruft dann begeistert aus: „hey, feijão mancanha!“ (hallo Bohne). Eine nette Begrüßung!

Donnerstag 13.12.2018

Heute soll ich eine Veranstaltung über den medizinischen Wert von Moringa im größten Krankenhaus von Bissau abhalten. Um 9Uhr, eine Uhrzeit, die für einen laufenden Krankenhausbetrieb eigentlich völlig unmöglich ist! Von daher erwarte ich nichts, bin aber total erstaunt, 25 Schwestern, Pfleger und Ärzte vorzufinden, die sich voller Interesse meine Powerpoint über die therapeutischen Eisatzmöglichkeiten von Moringa bei bakteriellen Erkrankungen, Tuberkulose, hohem Blutdruck, Asthma und Diabetes anschauen. Ich hoffe, dass Moringa auch Eingang in die Therapie, wenn nicht als alleinige, aber doch als komplementäre findet. Auf jeden Fall eine positive Erfahrung, die es sich lohnt, weiterzuführen.
Bei der Veranstaltung lerne ich eine Spanierin kennen, die schon lange in den Dörfern mit Moringa sowohl im Ernährungsbereich als auch in der medizinischen Behandlung arbeitet. Auf ihren Jeep hat sie große Abbildungen von Moringa und dem Vitamin- und Mineralhaushalt der Pflanze aufgebracht. Wenn sie in den Dörfern mit ihrem Auto auftaucht, wird sie „Frau Moringa“ genannt. Auch hier ergeben sich neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit.

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Nachmittags müssen wir schon wieder aus der Stadt hinaus in den Osten fahren. Wieder diese furchtbare Straße, aber mit einem sehr beherzten Fahrer, der nicht um die Löcher herum fährt sondern lieber volle Kanne drüberbrettert. Wenn wir sehen, wie das Lenkrad dabei wackelt, ist uns nicht so ganz wohl. Wir übernachten in Nhabijon und versuchen nochmals Lösungen für den Garten zu finden. Bei einem Spaziergang ins Dorf besuchen wir einen Schulgarten, der im Entstehen ist und ein aufgegebenes Projekt zur Ölgewinnung aus Baobabkernen.

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Tonnenweise liegen noch die Kerne auf einem großen Haufen herum. Keiner weiß, wo der Besitzer ist. Was ist nicht schon alles versucht worden! Die ganze Zeit über hält mich ein kleines, vielleicht 8-jähriges, Mädchen an der Hand gefasst und begleitet mich. In Nhabijon war in den letzten Tagen ein Seminar über Gemüseanbau abgehalten worden. 23 Frauen einer weit entfernten Insel hatten sich angemeldet und wir sehen als Ergebnis viele sauber angelegte und angesäte Beete.

Freitag 14.12.2018

Gespräch mit Caritas in Bafata über das Haus für Risikoschwangere und das Djandiprojekt. Die Malariaprophylaxe hat in Bafata einen guten Erfolg gezeigt und könnte auf umliegende Dörfer ausgeweitet werden, allerdings mit Kontrolle des Hämoglobins und des Malariatestes. Ich werde mich um ein Messgerät kümmern und wir werden das mit dem Verantwortlichen in Bissau noch besprechen. Zu Beginn, als die „casa das mães“, das Haus für Risikoschwangere in Bafata eröffnet wurde, wurde sie „barraca“ geschimpft, jetzt errichtet eine der großen Organisationen casa das mães in anderen Regionen des Landes, ohne sich auch nur einmal nach den Erfahrungen der ersten Einrichtung erkundigt zu haben. Leider ist das häufig das Gebaren großer Organisationen.
Eine ähnliche Fortbildung wie für die Ärzte in Bissau könnte doch in dieser Regionalhauptstadt das nächste Mal auch veranstaltet werden. Und könnten wir uns nicht auch eine Malariaprophylaxe für die Schulkinder in der Regenzeit überlegen?
Weiterfahrt nach Contubuel, wo die andere Hälfte der Medizingruppe arbeitet. Eine sehr engagierte brasilianische Schwester hat die Leitung, wird aber im Mai nach Brasilien zurückgehen. Wie oft haben wir schon erlebt, dass die Gruppendynamik von einer einzigen Person abhängt. Ich habe große Sorge.

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Die Apotheke ist in einem sehr guten Zustand, seit März ist ein großer eingezäunter Moringagarten mit 150 Pflanzen angelegt worden. Weiterhin wachsen Ingwer und Citronella dort und weitere Heilpflanzen sind angedacht. Frauenpower! Ein Schlauch könnte die Bewässerung erleichtern.
Als ich in der Abschlussrunde ihre Arbeit lobe, und dass es uns Spaß macht, sie zu begleiten, wir aber nicht wissen, wie lange wir das noch schaffen werden, erklärt eine der Frauen strahlend: „ach, und wenn du dann mit 3 Beinen kommst, macht das auch nichts!“

Und eine kleine Sonja gibt es hier jetzt auch. Sie wird es einmal einfach haben in ihrem Leben, weil sie jetzt schon „Doutora Sonja“ genannt wird.
Wieder Zurückjagen nach Bissau. Die Fahrerei ist wirklich anstrengend. Das nächste Mal wird alles anders werden, aber das sagen wir immer. Vor allem, wenn ich mir die vielen Ideen betrachte, die wir jetzt schon wieder mitnehmen.

Samstag, 15.12.2018


Eigentlich war vereinbart, bei den Frauen, die in der ehemaligen Staatsfarm von Bissau auf 8 Hektar Gemüse für die Märkte der 500.000 Einwohner-Stadt anbauen, eine Fort-bildung über Trocknung abzuhalten. Aber die Verantwortlichen haben uns vergessen und sind zu einer Tagung in eine andere Stadt gefahren. Der Schlüssel für den Veranstaltungsraum ist auch nirgends aufzutreiben. So schauen wir uns eben den Garten an.

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Ein viele Hektar großes Gelände, auf dem 300 Frauen ihre voneinander abgegrenzten Beete angelegt haben und am Jäten und Gießen sind. Eine Emsigkeit! Salat, Bohnen, Tomaten, Okra, Weißkohl, Auberginen, Gurken, Amaranth. Die unterschiedlichsten Grüntöne bei strahlendem Sonnenschein. Wie aktiv und genau sind die Frauen in ihren Beeten, aber für den total vermüllten Zugang fühlt sich wohl niemand verantwortlich.
Es dauert etwas länger, bis wir weitereilen können. Eine kleine Verschnaufpause am staubigen Straßenrand – das Leben vieler Menschen dort plätschert auf diese Weise dahin!

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Eine Freundin will ich noch sehen, die gerade in der geburtshilflichen Abteilung des Krankenhauses Dienst tut. Kurzerhand bekommen wir eine Führung. Wie damals, große Säle, manchmal 2 Frauen in einem Bett, keine Privatsphäre, ein Geruch, an den ich mich sofort wieder erinnere. Die Geburtenzahl wird in diesem Jahr knapp 8 000 erreichen. „Ärzte ohne Grenzen“ haben in einem Extragebäude eine Neugeborenen-station eingerichtet.
Noch ein paar Früchte aus dem Markt zum Mitnehmen einkaufen. Eine der Marktfrauen erkennt mich wieder und kann mir ganz genau sagen, was ich im März bei ihr gekauft habe!

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Nun noch die Nähgruppe. Die Frauen haben sich inzwischen noch weitere Techniken angeeignet, so sind sie gerade beim Batiken. Ihren Nähraum haben sie nach hinten erweitert und dort 2 Webstühle aufgestellt. Vorne am Tor haben sie einen Verkaufskiosk gebaut, der sich nach allen Seiten öffnen lässt. Die Gruppe hat viele Aufträge und ist stolz auf ihre Erfolge. Auch für unsere Familienplanungskette werden sie weiter die Produzentinnen bleiben. Über die von uns mitgebrachten Etiquetten mit ihrem Logo „Bontche“, was in der Balantasprache „wunderschön“ heißt, freuen sie sich sehr. Endlich kann jeder sehen, wer die hübschen Hemden, Kleider, Taschen und vieles mehr produziert hat. Von den mit- gebrachten neuen Techniken sind sie begeistert und wollen sie so schnell wie möglich umsetzen.
Auf dem Rückweg nach Takir hören wir eine ausführliche Sendung über die Lehre des Konfuzius im Radio. Auch das gibt es. Wer kann damit wohl etwas anfangen?
Die Koffer sind gepackt, es geht um 23 Uhr zum Flughafen. Wir müssen alle unsere gut verschnürten Koffer wieder öffnen. Alles wird durchsucht. Aber weder Baobab Pulver, noch Früchte, noch Cashewkerne interessieren. Nein, die Zöllner sind auf der Suche nach Drogen, die wohl hauptsächlich von Weißen transportiert werden sollen. Wenn sie da mal nicht einmal etwas falsch verstanden haben über den Drogenhandel! Auf dem Flug wache ich des Öfteren aus Träumen auf, in denen ich versucht habe, Problemlösungen zu finden. Gibt es die überhaupt für diesen „gescheiterten Staat“,
wie er politikwissenschaftlich in Entwicklungskreisen gesehen wird? Wie wird die Zukunft aussehen für die Menschen dieses Landes? Wir hoffen, dass es für die vielen jungen Menschen eine lebenswerte Zukunft geben wird.

Kinder stampfen-2 (FILEminimizer)


Sonja Prexler-Schwab und Arnold Schwab