Projektreise vom 25. März bis 8. April 2013

Wie immer gab es in den letzten Tagen vor der Reise viel zu tun, zu schreiben, zu besorgen, Geburtstage zu feiern, aber mit einem strengen Zeitmanagement schien alles zu schaffen zu sein und dann plötzlich Streik der portugiesischen Luftfahrtgesellschaft TAP (böse Zungen behaupten, das wäre die Abkürzung für „take another plane“) und 2 geschenkte Tage. Haben sich angefühlt wie ein Zustand des Schwebens im luftleeren Raum, ohne Hetze, plötzlich unendlich viel Zeit. Irgendwie haben wir uns dann nicht mehr so reingehängt und letztendlich auch einiges vergessen. Wie die anderen Jahre auch bei Minusgraden aber ohne Schnee nach Frankfurt, Aufgeben unserer schweren Koffer (jeder von uns hatte 46 kg Freigepäck, was wir fast ausgeschöpft haben, wobei auf die persönlichen Artikel vielleicht je 5kg entfielen) und Flug nach Lissabon mit immerhin schon Sonnenschein, 5 Stunden Herumhängen und dann Weiterflug nach Bissau, etwas verspätete Ankunft um 2 Uhr morgens, aber mit allen Koffern, was auch schon erleichternd ist, obwohl ich auf Grund schon anderer Erfahrungen meine Kursunterlagen inzwischen alle im Handgepäck mit mir herumschleife. Zollkontrolle. Wir sollen unsere 4 großen, sorgfältig verschnürten Koffer öffnen. Mein Einwand, dass dazu keine Notwendigkeit bestünde, weil wir keine Drogen dabei hätten, bekam der Zollbeamte mit Pokerface in den falschen Hals und er hat auf total stur geschaltet und „wie ich überhaupt dazu käme, das wäre eine Beleidigung“. Ich habe mich entschuldigt und alles mit meiner Müdigkeit erklärt. Guinienser, denen ich das später erzählt habe, meinten, dass er wahrscheinlich ein Schmiergeld erwartet hatte. Da das im Umgang egal mit wem in Guiné nie nötig gewesen war, wäre ich von selbst nie auf diese Idee gekommen. Meine diplomatischen Verhandlungen zeigen Erfolg. Wir dürfen das Gebäude verlassen und uns umgibt das aufgeregte Palaver der Leute, die vor dem Flughafen stehen, die überall gegenwärtigen Handykartenverkäufer sind sofort da, warmer Wind auf der Haut, Staub der Trockenzeit, die ausführliche afrikanische Begrüßung “i kuma?“ „sta bom“ „kuma die bias“ „kuma di familia“.

Wir werden wieder in der kleinen Hotelfachschule untergebracht und bekommen eines der frisch renovierten, durch ein neu herausgebrochenes Fenster gut belüfteten Zimmer, also nicht das Saunazimmer vom letzten Jahr. Nach wenigen Stunden Schlaf werden wir durch das unglaublich vielfältige Vogelkonzert geweckt, das uns jedes Jahr immer wieder neu in Erstaunen versetzt. Tolles Zimmer, aber die Tür geht nur noch unter maximaler Kraftanstrengung auf. Der Verantwortliche lässt sie gro.zügig abhobeln, aber glücklicherweise doch nicht soweit, dass eine Cobra hindurchpassen könnte.

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Frisches ultraweißes „Luftbaguette“ und Nescafé zum Frühstück. Trotz meiner Abneigung gegen die großen Konzerne und ihr aggressives Werbeverhalten in Afrika, z.B. die Pulvermilchwerbung von Nestle “Amor com amor se paga - leite para toda a familia“ (Liebe bezahlt man mit Liebe, Milch für die ganze Familie) oder „um copo por dia, saúde para sempre“ (ein Glas Milch pro Tag, Gesundheit für immer) kann ich, auch wenn ich zu Hause Nescafé trinken würde, hier nicht konsequent sein. Und los geht es mit Telefonaten, Verabredungen und unserem Gesprächsmarathon in Bissau, der unbedingt in den ersten 2 Tagen absolviert werden muss, weil wir erst am Tag vor unserem Rückflug zurückkommen werden. Ab durchs staubige Bissau!

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Gespräch mit Caritas: Im Caritasgebäude ist seit einigen Monaten eine Verkaufsstelle der naturheilkundlichen Gruppe eingerichtet worden, damit es auch in Bissau wieder eine kleine Apotheke gibt und die Leute nicht bis nach Mansoa fahren müssen. Bedarf und Bekanntheitsgrad der Gruppe haben dies erfordert. Verantwortlich ist eine junge guiniensische Ärztin, die sich schon während ihrer Ausbildung für die Arbeit der Gruppe interessiert und auch eigene Ideen über den Fortgang entwickelt hat.

Die Extraktion von Citronellaöl ist ausprobiert worden. Erst hat eine Dichtung gefehlt und musste aus Italien besorgt werden, jetzt lässt sich ein Hähnchen nicht mehr öffnen. Mehr als 1ml ist nicht gewonnen worden. Mit Verbesserungsvorschlägen, was die Reinigung, bzw. die schonende Erhitzung während der Extraktion anbelangt, sollte es in der Zukunft funktionieren. Damit ergäben sich tolle Möglichkeiten in der Herstellung von Massageöl oder auch der Parfümierung von Seife. Erstaunt hat mich, dass Caritas, deren Aufgabe auch medikamentöse Soforthilfe im Falle des Auftretens von Epidemien ist, nur noch über eine bunt gemischte italienische Medikamentenhilfslieferung verfügt.

Gespräch mit dem für das Jugendzentrum verantwortlichen Franziskanerpater:
Nach vielen Verzögerungen, auch mitbedingt durch die politischen Schwierigkeiten, sind die von Solarworld gesponserten Solarpanels endlich im letzten Sommer aus dem Zoll gekommen. Pepito hat seine verbaut, was wir im Reiseverlauf auch dokumentiert haben, die vielen Panels hier im Zentrum von Bissau liegen allerdings immer noch auf Halde. Warum? Der Pater, mit dem zusammen wir die Versorgung des Zentrums mit Solarpanels geplant haben (um den Jugendlichen zu ermöglichen, sich Informatik und Sprachkenntnisse anzueignen, und auch um sie von der Straße zu holen) und der auch keine Schwierigkeiten in der Finanzierung von Batterien, Wechselrichter, Ladestation gesehen hat, ist für uns völlig überraschend versetzt worden. Seine Funktion füllt nun ein älterer portugiesischer Pater aus, der schon im Internetkontakt einen seltsamen Eindruck hinterlassen hat und der dem jetzt auch in nichts nachsteht. Er hat 2 Kostenvoranschläge, einen teuer und den anderen noch viel teureren, bringt alles durcheinander, ist absolut unvorbereitet. Er hat zwar ein Gesuch an den Finanzausschuss der Franziskaner gerichtet, aber mehr als 15 000 Euro dürften nicht drin sein, wenn überhaupt. Und wir von Tabanka sind eigentlich nicht willens die andere Hälfte zu übernehmen, haben wir doch schon die Panels besorgt und den Transport bezahlt. Irgendwie sehen wir kein großes Engagement von der anderen Seite und sind eher geneigt andere Stellen mit den Panels auszustatten.

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Gespräch im Gesundheitsministerium: mit dem Gesundheitsminister, der in der damaligen DDR ausgebildet worden ist und noch sehr gut Deutsch spricht, habe ich telefonisch einen Termin vereinbart, leider ist er gerade mit einer portugiesischen Ärztegruppe unterwegs. Schade, ich hätte ihn gerne kennengelernt.
Spontan schauen wir beim Generalsekretär vorbei und ich zeige ihm wie in jedem Jahr die Neuigkeiten, die ich vorbereitet habe. Meine Idee war, die naturheilkundlichen Kenntnisse der Gruppe in Richtung Schulen und Dörfer zu verbreiten. Deshalb habe ich ein Büchlein verfasst, wie man Erkältungskrankheiten mit naturheilkundlichen Methoden zu Hause behandelt, bzw. wann die Symptome eine schulmedizinische Behandlung erfordern. Das Ganze ist in eine Geschichte eingebunden, die für Kinder von etwa 10 Jahren geeignet ist und im Schulunterricht als Lektüre mit praktischen Übungen verwendet werden kann. Das zweite Buch ist für Analphabeten in den Dörfern gedacht. Es soll bildlich zeigen, mit welchen Heilkräutern man die 10 häufigsten Krankheiten in der Familie behandeln kann. Das Buch liegt in einer provisorischen Fassung vor und ich will es mit ganz vielen Leuten hier diskutieren, um zu sehen, ob die Abbildungen verständlich sind, wie die Aufmachung sein soll, ob die Dosierungen stimmen. Der Generalsekretär ist von beidem begeistert, stellt sich vor, das Schulbüchlein im Gesundheitsbereich zu vervielfältigen und berichtet über seine Ideen, wie die Naturheilkunde Eingang in die Krankenpflege und Medizinerausbildung finden könnte und über die Möglichkeiten der Einbeziehung und Qualitätskontrolle der traditionellen Heiler. Irgendwie traut er mir wohl viel zu und fragt mich, für wie lange ich das nächste Mal kommen könnte. Mein „maximal 4 Wochen“ überhört er geflissentlich und plant lieber in Jahreszeiträumen. Seiner Meinung nach dürfte Arnold nichts dagegen haben, da er (zum Sonnenschutz) die Mütze Amilcar Cabrals trägt und damit zeigt, dass er Guiné in seinem Herzen trägt. Okay!

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Aus dem klimatisierten Ministerium in die Mittagshitze. 35° und mehr! Selbst die Schweine können nur noch schnarchen. !! Zu unserer großen Überraschung ist die Straße vor dem Ministerium von ganz neu aufgestellten, mit Solarpanels bestückten Straßenlampen gesäumt! Warum gerade diese Straße bleibt mir ein Rätsel. In der Nähe befindet sich ein kleiner Markt mit Kunsthandwerk - Kleider, Taschen, Bilder, Schmuck, Holzplastiken – es wird zwar behauptet, alles wäre lokale Produktion, vieles kommt jedoch eindeutig aus dem Senegal. Aber man wird zu nichts gedrängt, es fehlt immer noch die aggressive Verkäufermentalität wie in anderen afrikanischen Ländern. Wir müssen uns ernsthaft Gedanken über ein Mittagessen machen, kaufen Wasser, Brot und die typischen kleinen afrikanischen Bananen mit dem unbeschreiblichen Geschmack, eine Banane zum Stückpreis von 7,5,Cent. Als wir dem Mädchen 10 Stück auf einmal abnehmen, schenkt sie uns eine dazu. Das ist noch wie damals im alten Guiné!

Nachmittags fast 4 Stunden
Besprechung mit Pepito.
Das Wissen über Moringa ist mittlerweile sehr verbreitet, auch durch den Moringa-Rap in den Radios. Alle EVA-Schulen sind mit der Pflanze umgeben, bis jetzt werden allerdings nur die Blätter verwendet, Pepito beschreibt es als Konsolidierungsphase. Der Moringawettbewerb wird Anfang des neuen Schuljahres im Oktober mit der Preisverteilung abgeschlossen sein. Pepito schlägt vor, eine weitere Pflanze in ähnlicher Art zu propagieren, die auch eng in die Ernährung eingebunden werden kann. Mal sehen,vielleicht die Papaya?
In dem von uns mitfinanzierten, auf der Insel Elalab im Norden isolierten Mutter-Kind- Zentrum sind schon13 Kinder unter hygienischen Bedingungen und komplikationslos auf die Welt gekommen, das heißt etwa 1 Kind pro Monat. Als ich nach der Nachhaltigkeit meines Lehrerkurses vom letzten Jahr frage, heißt es, dass oft gesagt wird, „aber die Dottora Sonja hat gesagt….“ Für das nächste Jahr denken wir an Sexualkundeunterricht in den Schulen, Unterricht über Familienplanung für junge Frauen in den Dörfern und eine neue Schullektüre über die Vermeidung von Durchfallserkrankungen durch Verbesserung der Hygiene. Fast 20 Uhr - erschöpft vom ersten Tag. Und ganz viele Freunde warten noch, um uns zu begrüßen.
Typisch guiniensisches Abendessen mit Reis und Fisch in einer wunderschönen Rundhütte.

Dienstag, 26.3.2013

Der Muezzin der nahe gelegenen Moschee weckt uns um 5 Uhr mit seinem Gesang und die Vögel stimmen kurz darauf heftig ein. Sonne, Frühstück im warmen Wind.
Gespräch im Nationallaboratorium: das Minilaboratorium zur Arzneitestung auf Fälschungen konnte seit 2010 in maximal 20 Fällen eingesetzt werden, allerdings oft bei Medikamenten von Projekten, die sowieso aus einer zuverlässigen Quelle gestammt haben. Was fehlt, ist ein Gesetz, das die Testung absichern könnte. Einen Gesetzentwurf gibt es zwar schon, aber die seit April letzten Jahres regierende Übergangsregierung ist nicht berechtigt ein Gesetz zu unterzeichnen. Das Recht dazu hat nur ein gewählter Staatspräsident. Wahlen werden aber wahrscheinlich erst nächstes Jahr stattfinden! Die Testsubstanzen von 2 der 3 vorhandenen Minilabs sind schon abgelaufen!!!! Warum geht alles so langsam, man könnte verzweifeln!
Unser Gesprächspartner betont die angespannte Situation in Bissau. Der Präsident ist außer Landes (allein das verunsichert schon) und nicht zum vorgesehenen Zeitpunkt zurückgekehrt. Am Ende der Reise erfahren wir, dass er sich wegen Diabetesproblemen in einer Klinik in Frankfurt befindet. Schon der letzte Präsident ist an den Folgen der Zuckerkrankheit gestorben. Diese Zivilisationskrankheiten, auch Thrombosen und Embolien nehmen auf Grund der veränderten Ernährungsgewohnheiten (viel zu viel Zucker, Fett, Maggiwürfel pur) rasant zu.

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Wir besuchen ein interessantes Projekt in Bissau mit dem Namen „Pobreza zero“. Es werden Brennstoff sparende kleine Öfen und Solaröfen hergestellt, ganz ähnlich wie das von uns finanzierte Modell aus Gambia, aber sehr viel billiger, allerdings auch ein bisschen wackeliger. Schnell sitzen wir zu sechst in einem kleinen Raum, diskutieren Verbesserungsmöglichkeiten und der Schweiß läuft in Strömen. Auf dem nahegelegenen Markt versuchen wir wieder uns für das Mittagessen auszustatten. Auf der Suche nach Limonen für die gekaufte Papaya führt uns ein hilfsbereiter älterer Mann bis in die tiefsten Tiefen des Marktes mit offenen Fleisch- und Fischständen und den entsprechenden Gerüchen. Aber es ist wohl keine Limonenzeit, obwohl unser Führer nicht aufgeben will. Arnold ist von Riesenlangusten begeistert. Da wir jedoch keine Kochmöglichkeit haben, muss er schweren Herzens von diesem ihm vorschwebenden Genusserlebnis Abschied nehmen und sich mit einer Papaya ohne Zitronensaft begnügen.
Unterhalb unseres Zimmers befinden sich viele von Frauen angelegte Gärten mit Auberginen, Okra, Salat…auch einem für uns noch unbekannten Blattgemüse mit dem Namen „Jambo“, aber die Grundfläche wird durch den wachsenden Hausbau immer kleiner. Bissau platzt aus allen Nähten!

Fahrt in den Nordosten des Landes nach
Djalicunda. Unterwegs nehmen wir noch Dino mit, einen jungen Mann, der 3 Monate in Deutschland gewesen ist, das Imkerhandwerk etwa erlernt hat und mit unserer Hilfe etwas in GB aufbauen möchte. 2 Stunden auf einer sich gerade im Bau befindenden Staubstrasse. In manchen Dörfern etwa 1,50m tiefe und 1m breite Gräben beidseits am Straßenrand, kilometerlang, die Männer in der Mittagshitze herauspickeln! Schöne Dörfer, eine Schule mit dem Schild „Ajuda heißt Hilfe“, da muß ich auf der Rückfahrt unbedingt anhalten! Unterwegs bekommen wir die Nachricht, dass eine Gruppe, die auch zu meiner Fortbildung kommen will mit dem Auto verunglückt ist. Wir kommen nach Djalicunda. Es ist, als ob man in ein Dickicht hineinfährt. Ein altes, ursprünglich von Swissaid, der schweizerischen Organisation für Entwicklungshilfe, Anfang 2000 finanziertes Projekt. Ein riesiges Zentrum auf einem 22 Hektar großen, dicht mit Dickicht und großen Bäumen bewachsenen Gelände, viele große Häuser im großen Kreis angelegt. Es gibt Reste von Tierzucht, einen alten, vernachlässigten Heilpflanzengarten mit schönen Gebäuden, ein wunderschönes Gelände mit Bienenzucht (ein großes Bienenhaus und 40 Bienenkästen unter großen alten Bäumen) ein Projekt, in das sicher einmal viel Geld geflossen ist und das schon schönere Zeiten gesehen hat.

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Derzeitig sind 10 Organisationen beteiligt, die in 700 Dörfern der Region arbeiten. Die Themen sind Dorfentwicklung, Gemüseanbau, Verarbeitung von Obst und Gemüse, biologischer Pflanzenschutz und vieles mehr. Wir dürfen, so empfinde ich es, in der „Fürstensuite“ übernachten, ein wunderschönes Rundhaus mit riesigem „Wohnzimmer“ und genauso riesigem Schlafzimmer. Vor dem Haus viele blühende und wunderbar duftende Neembäume. Ich soll in den nächsten Tagen hier einen Kurs über Trocknung von Obst und Gemüse abhalten und mit kurzfristiger Programmänderung zusätzlich noch etwas über Ernährung erzählen. Darauf bin ich nicht so ganz vorbereitet, habe einiges in Bissau gelassen und den Rest (einige tolle Videos) überhaupt in diesem „Chilly-Milly-Standbymodus“ in Deutschland vergessen. Aber Improvisation ist alles!


Mittwoch 27.3.2013

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Frauen, teilweise mit ihren Kleinkindern auf dem Rücken, und Männer aus 4 Dörfern sind anwesend. Die Gruppenleiter sind durchwegs Männer, weil sie diejenigen sind, die lesen und schreiben können. Die anwesenden Frauen sind Multiplikatorinnen, die das erworbene Wissen in den Dörfern weitergeben sollen. Nach einer kleinen theoretischen Einführung über den Prozess des Trocknens geht es dann an das Geschnipsel. Das Zentrum besitzt 2 neue Trockner nach dem gambianischen Prinzip, die wir ausprobieren. Es wird alles verarbeitet, worüber wir verfügen: Ananas, Papaya, Tomaten, Okra, Auberginen, auch die kleine einheimische Art, Kraut, Zwiebeln, Karotten und natürlich auch Moringa. Alles trocknet sehr schnell bei der intensiven Sonne. Ich kann auch beobachten, dass immer wieder einer der Kursteilnehmer von sich aus zu den Trocknern geht, nachschaut oder auch die Stückchen wendet. Leider gelingt es uns mangels Materials nicht, einen adaptierten Trockner für die Dörfer nachzubauen.

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Nach einem improvisierten Vortrag über den Ernährungswert von Moringa können wir dann abends schon Moringatagliatelle und – Spaghetti machen. Das ist ein Staunen und Wundern. Unsere mitgebrachte Nudelmaschine im Handbetrieb tut noch das Ihrige dazu. Ich erkläre aber auch genau, wie sich der Vorgang ohne Maschine bewerkstelligen lässt. Die Nüdelchen werden einzeln mit sehr viel Sorgfalt auf die Trockensiebe drapiert. Sogar die Männer klinken sich jetzt ein, nachdem ich erklärt habe, dass in meinem Hause alle Männer kochen können. Ein verschmitzt lächelnder älterer Mann erklärt mir, dass er jetzt auch zu Hause seiner Frau helfen werde. Ich hoffe wieder einmal auf Nachhaltigkeit!

Abends ein langer Spaziergang ins „mato“ (den Wald). Vereinzelt blühende duftende Pflanzen, alte Täfelchen, die anzeigen, dass hier irgendwann einmal irgendwelche agrarische Tätigkeiten stattgefunden haben, die großen alten Bäume, die schon hunderte von Jahren hier stehen und die Geschichte des Landes begleitet haben.

Sehr abgelegen das große Bienenhaus und unter einer riesigen Blätterkronenhöhle 40 Bienenkästen, Holzkästen vom kenianischen Typ. Nur vereinzelt sind sie noch bewohnt, das Projekt lief von 2000 bis 2004. Wir haben auch im Hinblick auf Dinos Absichten viele Gespräche mit Imkern geführt.

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Es hat sich herausgestellt, dass im Land zwar viel Honig produziert wird, der Absatz aber ein großes Problem darstellt. Zucker wird wohl lieber verwendet, obwohl 1kg Honig weniger als 1,50 Euro kostet. Ein weiteres Problem ist die Honiggewinnung. Es fehlen schützende Anzüge und Handschuhe. Als Bienenkästen werden meistens alte Baumstämme verwendet, die zur Honiggewinnung ausgeräuchert werden, was einerseits die Bienenanzahl reduziert, sich aber auch negativ auf die Honigqualität auswirkt, den Honig verunreinigt und ihm einen Rauchcharakter verleiht.

Zum Abendessen müssen wir im Zentrum hergestellten Fruchtsaft nach sensorischen Gesichtspunkten bewerten und einen Fragebogen ausfüllen. Maximale Punktzahl! Der Raum ist sehr schön mit großen realistischen Gemälden aus dem guiniensischen Alltag bemalt. Ich werde gefragt, ob ich nicht mal so schnell eben mal ein Radiointerview in der Sendestation des Lokalradios geben möchte. Einige der Kursteilnehmer sind auch anwesend und es ist interessant für mich zu sehen, was sie alles von dem Kurs erzählen und was hängengeblieben ist, bzw. was für sie wichtig erschienen ist. Einer erzählt, dass er zum ersten Mal begriffen hat, was sich beim Trocknungsvorgang abspielt. Unsere Moringanudeln kommen ganz groß raus! Das Ganze spielte sich in den 3 Sprachen Fula, Mandinga und Creolo ab, immer wieder unterbrochen von Musik.

Donnerstag 28.3.2013

Wir stehen früh auf. Es ist noch angenehm kühl und wir machen einen Spaziergang begleitet vom Gesang der Vögel. Wir gehen in Richtung weit entfernter Stimmen und kommen mitten im Wald zu einem sehr schön angelegten Gemüsegarten der Frauen, in dem gerade intensiv Wasser aus dem Brunnen heraufgezogen und bewässert wird. Diese Gemüsegärten haben in den letzten Jahren sehr stark zugenommen. Sie stellen einerseits eine Möglichkeit der Ernährungsverbesserung, andererseits ein Zusatzeinkommen für die Frauen dar. Die Arbeit wird insofern geteilt, dass die Männer das Gelände urbar machen, umzäunen und den Brunnen graben, während die Frauen dann die weiteren Arbeiten übernehmen, wobei jede einzelne ihre eigenen Beete hat.
Eine spannende Einrichtung auf dem Projektgelände ist die Samenbank. In einer strohgedeckten, außen über und über mit reifen Reisbüscheln bemalten Rundhütte lagern in großen, mit Deckeln verschlossenen Tongefäßen über 100 Reissorten, vereinzelt auch Hirse. Für jede einzelne Sorte gibt es Informationen über die Artenspezifität, wie Keimdauer, Reifezeit. Die Haltbarmachung erfolgt mit natürlichen Methoden, wie Neemblättern, Curcumapulver und anderen Pflanzen. Die Reisanbauer aus den Dörfern können sich hier ihr für ihre Bedürfnisse passendes Saatgut besorgen, wobei vor der Abgabe immer getestet wird, ob die Körner überhaupt noch keimfähig sind.

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Was sollen wir nun mit dem ganzen getrockneten Gemüse anfangen? Die Trockenfrüchte lassen sich ja einfach so essen, auch die Cashewäpfel sind phantastisch geworden, aber das Gemüse? Da bekomme ich die Idee, Gemüsebrühe in Pulverform herzustellen. Alles in den großen Mörser und gestampft, etwas Salz hinzugefügt und Maggi („mit Maggi ist jede Frau wie ein Stern“) hat einen starken Konkurrenten („mit natürlichem gusto ist jede Frau wie eine Prinzessin der Küche“) bekommen! Auf in den Kampf!

Mittags gibt es Moringanudeln mit dem natürlichen Gusto. Selbst die Köchinnen behaupten, dass Maggi unterlegen ist. Aber sie sind sowieso die reinsten Künstlerinnen, die locker für 40 Leute auf ihren drei Steinofen kochen. Mit großer Mühe hat Arnold den Film über die Moringaseifenherstellung aus Ghana aus dem Internet heruntergeladen (auch einer der zu Hause vergessenen). Das begeistert die Gruppe sehr und regt zum Planen für die Zukunft an. In der verbleibenden Zeit stelle ich noch die, schon im vergangenen Jahr in anderen Gruppen gezeigte spezielle Perlenkette zur natürlichen Familienplanung vor. Das ist für alle immer sehr spannend.

Arnold zeigt in der Zwischenzeit die von uns mitgebrachte Piteba Ölpresse. Sie ist zur Ölgewinnung aus kleinen Samenkörnern gedacht, z.B. aus Sesam, der in einigen Dörfern intensiv angebaut wird, wäre aber auch für Moringa geeignet. Nach einem hastigen Mittagessen, angereichert durch Moringanudeln mit natürlichem Gusto, vor der Rückfahrt schnell noch eine Versammlung mit der dortigen naturheilkundlichen Gruppe. Sie ist eine der 10 am Zentrum beteiligten Gruppen, allerdings auch die schwächste. Ihr Ziel ist es, die traditionellen Heiler (curandeiros) zu erfassen und miteinzubeziehen, zu erforschen, welches die am häufigsten vorkommenden Krankheiten in den Dörfern sind, Heilpflanzen zu identifizieren, ein Büchlein für die Basis zu entwickeln und die alte Apotheke wieder aufzubauen. Eigentlich meiner Arbeit sehr ähnlich. Ich verspreche, meine bisher verfassten Unterlagen und Kontakte zu schicken. Mal sehen, ob eine gemeinsame Arbeit möglich sein wird. Es entsteht die Idee, mein Schülbüchlein als Fortsetzungsgeschichte jeden Abend im Lokalradio zu senden. Mein Wechsel in ein neues Lebensjahrzehnt kurz vor der Abreise war mir anscheinend anzusehen. Ich wurde mit „Mama“ und „mulher grande“ angesprochen. Wieder zurück auf der Staubstraße. Als wir ein paar Frauen mitnehmen wollen, stürmt eine ganze Meute unser Auto und Leonora, die Vertretungsleitung des Zentrums muss energisch durchgreifen. Vor einem kleinen Städtchen sperren zwei abenteuerlich gekleidete Figuren auf Stelzen, begleitet von einer johlenden Meute tanzender Jungen und Mädchen die Straße und fordern von Fahrer und Beifahrer ein Wegegeld. Übernachtung in Bissau.

Freitag, 29.3.2013

Morgens um 6 Uhr Abfahrt in den Süden. Es dämmert und wir fahren in den Sonnenaufgang hinein. Unterwegs wird uns der riesige Besitz des obersten Militärgenerals gezeigt – mit Eisfabrik. Nach einigermaßen glatter Teerstraße zuerst glatte, dann sehr unebene Staubstraße, die mit permanentem Wechsel der Fahrbahnen großes fahrerisches Können erfordert. An der letzten Tankstelle vor dem Irgendwo treffen wir die stellvertretende EU Vertreterin, die nicht so ganz genau weiß, wo sie hin muss und sich uns anschließt.

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Unser Ziel ist Guiledge, wo das von AD initiierte Museum der Region Cantanhez „cultura e ambiente“ eingeweiht werden soll. 150 km von Bissau, 4 Stunden Fahrt.

Viele Menschen. Eine Kindergruppe singt von der Schönheit der Natur und den Elefanten, die in der Regenzeit in einem geschützten Korridor von Conakry herüberziehen sollen. Pepito hält die Eröffnungsrede. Zuerst wird das vor 2 Jahren eröffnete Museum, das dem Unabhängigkeitskampf gewidmet ist (Cantanhez war die erste befreite Region) besichtigt, dann das neue Museum, das die Kultur der beiden unter 18 dort vorherrschenden Etnien Nalu und Fula zeigt. Es sind Kunstgegenstände, Arbeitsgeräte, Masken zu sehen.

Eine Frau aus Guinea-Conakry hat zur Erinnerung an ihren Vater, der auch am Unabhängigkeitskampf beteiligt war, ein kleines geschnitztes Boot mitgebracht. Ein Akt der Aussöhnung und Zeichen einer in Zukunft gewünschten Zusammenarbeit. In einem kleinen, wie ein kleines Amphitheater gestaltetem Raum, werden einige Reden über die beiden Stämme gehalten und ein schöner Film über die Region gezeigt. Da das Zentrum weitgehend von der EU finanziert worden ist, hält die EU Vertreterin eine sympathische Rede in einer Sprache, die sie „Mixtur“ nennt – portugiesisch, französisch und ein bisschen Criolo.

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Und dann die Tänze im Schatten der großen Bäume. Zuerst ein kraftvoller Tanz der Tandas. Männer mit morgens extra frisch angefertigten Röcken aus Palmblätterstreifen und dem roten Bast eines Baumes, alles noch ganz feucht, und danach der Kriegstanz der Balanta, wobei die Männer sich direkt vor einen hinstellen und einen ohne mit der Wimper zu zucken fixieren. Die einen begleiten sich mit Flöten, die anderen mit Trillerpfeifen und Trommeln. Laut und dynamisch sind beide Vorführungen. Großes Mittagessen im Freien, natürlich mit Reis. Wir lernen den großen guiniensischen Filmemacher Flora Gomes kennen. Er ist Professor an einer Universität in den USA, ein ganz bescheidener, sympathischer Mann in unserem Alter, der uns einfach so seinen neusten Film überlässt. Wir fragen uns wieder einmal, wie sich das Land weiterentwickeln wird, wenn diese „Alten“, die für die Befreiung gekämpft und ihre Visionen für dieses Land hatten und noch haben, nicht mehr da sind.
Weiterfahrt auf noch engeren Straßen durch den dichten Urwald des Südens von Guiné. Die vorherrschende Farbe trotz der jetzt schon monatelang anhaltenden Trockenzeit ist grün. Undurchdringliches Dickicht, Gewirr von zum Teil oberarmdicken Lianen, Kapokbäume, die ihre Kapseln öffnen und ihre Samen wie Schnee zur Erde herabrieseln lassen, riesige Urwaldriesen mit hohem, geradem Stamm. Immer wieder wird von illegalen Abholzungen durch die Chinesen berichtet.

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Wir halten an einer Wildbeobachtungsstelle. AD hat an einer Wasserstelle, einige Meter über dem Erdboden, ein Gerüst erbaut. Und was es dort alles geben soll: Büffel, Wildschweine, Affen und natürlich „Dari“, den Schimpansen, über den es endlos viele Stories gibt. Leider zeigt sich nicht eines der Tiere! In Jemberem, dem kleinen Tourismuszentrum zuerst eine Dusche („yagu ten“) nach diesem heißen Tag. Auch hier wieder kein Affe zu sehen. Wir werden immer auf später vertröstet. Arnoldinho (der kleine Junge, bei dessen Entbindung ich letztes Jahr mitgemischt habe) kommt mit seiner Familie, um „fala mantenha“ (uns zu begrüßen) zu machen. Ein properes, wohlgenährtes Kerlchen, der uns Weiße skeptisch betrachtet, und, als ich ihm das mitgebrachte Bärchen zeige, laut weinend in Tränen ausbricht. Afrikanische Kinderaugen sehen solch ein Plüschtier wohl mit anderen Augen an als europäische. Zum Abendessen taucht plötzlich der Gesundheitsminister auf. Ich lerne ihn also doch noch kennen.

Samstag, 30.3.2013

Frühe Abfahrt. Wir kämpfen uns weiter auf dieser Halbinsel vor. In dem Dorf Farim sehen wir den ersten Brunnen mit einem gesponerten Solarpanel von Solarworld, in Cautschinké den zweiten. Der Minister darf den Wasserhahn öffnen. Die Frauen des Dorfes tanzen und drücken ihre Freude aus, nicht mehr so weit in den Urwald zum Wasserholen gehen zu müssen, wo sie immer von den Schimpansen geärgert würden. Pepito kritisiert sofort, dass das Panel verstaubt ist und so nicht seine Leistung erbringen kann.

Cabedú. Schon als wir aussteigen, kommen uns ganz viele Frauen tanzend in ihren neuen Festtagsgewändern (2 Stoffmuster herrschen vor) entgegen. Pepito und ich bekommen als Geschenk ein traditionell gewebtes Pano übergeworfen. Viele Frauen umarmen mich und möchten mit mir zusammen fotografiert werden. Eine warme Herzlichkeit, aber ein unglaubliches Gewusel und eine Aufregung, wir kommen gar nicht vorwärts. Der Minister und ich enthüllen zusammen das Schild mit dem Namen des neurenovierten Gesundheitszentrums, sozusagen eine deutsch-deutsche Aktion.

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Die Zusage zur teilweisen Kostenübernahme der Renovierung haben wir im Namen von Tabanka letztes Jahr erteilt. Viele Renovierungsarbeiten wurden von den sehr aktiven Frauen des Dorfes geleistet. Das Gebäude ist in blau-weiß gehalten, hat ein Entbindungszimmer, jeweils einen Raum, um Kinder, Frauen oder Männer stationär aufzunehmen, ein Behandlungszimmer und einen Raum für Medikamente. Außer den Betten gibt es noch kein Mobiliar. Das Zentrum ist mit gesponserten Solarpanels von Solarworld ausgestattet, wobei der Entbindungsraum und ein Laborraum nochmals extra abgesichert sind. Hinter dem Zentrum hohe Bäume, viele Palmen und einige hundert Meter weiter die von Meereswasser umflossenen Mangrovensümpfe. Vor dem Zentrum die Initiative einer portugiesischen ONG: ein Solarofen, wie wir ihn schon für Nhabijon finanziert haben. Aber fix auf einem Sockel, kann also nicht nach der Sonne ausgerichtet werden, sehr klein, innen mit Aluminium statt der schwarzen Folie ausgelegt, was keinen Wärme absorbierenden, sondern einen reflektierenden Effekt haben dürfte. Wer wird damit kochen? Schade!

Nun kommt der offizielle Teil mit den Reden. Der Minister hat Moskitonetze, Entbindungskits mit Einmalhandschuhen, Alkohol, Rasierklinge, Desinfektionsmittel und Nabelklemme mitgebracht, sowie eine bunte Mischung von Medikamenten, die aus irgendeinem italienischen Arsenal stammen. Für die Bevölkerung sicher eine ganz besondere Geste. Ich versuche in meiner Rede deutlich zu machen, dass nicht nur der kurative Aspekt wichtig sein sollte, sondern auch der präventive. Es wäre schön, wenn das Zentrum auch Unterricht in Ernährungsfragen, Naturmedizin geben könnte. Ich schlage die Anlage eines Heilpflanzengartens vor, vielleicht vor allem mit den Pflanzen, die in meinem Buch für die Dörfer vorkommen. Das wird begeistert aufgenommen und schließlich bekomme ich noch ein weißes Schaf mit schwarzen Augenringen geschenkt, während Pepito eine Ziege erhält.

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Wieder Tänze, jetzt von einer Gruppe von Mädchen, dann noch eine Fußballergruppe. Hinter mir sitzt eine Frau mit einem kleinen Kind, das 10 Monate alt sein soll, aber wie maximal 4 aussieht. Klein, dünne Ärmchen, ein trauriges Gesichtchen. Die Mutter erzählt, dass er nichts Festes essen und nur gestillt werden will und das zeigt er auch permanent. Ab und zu gibt sie ihm Moringa mit Wasser. Ich verabrede einen Termin mit ihr für morgen, wo ich nochmals intensiv mit ihr reden will.

Das Programm des Tages ist etwas durcheinander geraten. Eigentlich sollte ich noch einen Kurs abhalten, aber die Kursteilnehmer sind wohl zu sehr mit Feiern beschäftigt und verschwunden. Nach langen Diskussionen verschieben wir die Arbeit auf die nächsten Tage. Zwei Lehrer aus dem Norden sind jedoch verärgert, weil sie extra deshalb angereist sind. Ich verspreche ihnen beiden am Abend einen Extrakurs zu geben und die Stimmung ist gerettet.
Dann können wir uns jetzt wieder unserer Gruppe anschließen und fahren weiter nach Catesse, einem Dorf, in dem die Frauen ein kleines Übernachtungshaus errichtet haben. Die Gruppe sitzt schon im großen Halbkreis unter großen schattenspendenden Bäumen und genießt das Kulturprogramm. Für jeden wird eine frische Kokosnuss mit der Machete aufgeschlagen und wir schlürfen die Kokosmilch und essen das weiche Fruchtfleisch. Die Frauen zeigen mir voller Stolz das Haus. Alle sind sehr herzlich, ein großes Umarmen und Händeschütteln. Als einige aber Arnold heiraten wollen, muss ich klarstellen, dass ich mich über sie als „Composa“ (Mitehefrau) zwar freuen, dass ich aber die Hauptfrau bleiben würde, die das Sagen hat. Einfach wunderschön, dieser lockere Umgang mit viel Lachen. Wird der Tourismus darauf einen negativen Einfluss haben?

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Abends mein Privatkurs, aber sehr konstruktiv, was die Verbesserungen meines Buches anbelangt. Aus Versehen nennt mich die teilnehmende Lehrerin statt Dottora Sonja „Sonja Moringa“. Andererorts war ich auch schon einmal „Sonja lampada“.

Sonntag, 31.3.2013

Ostersonntag. Obwohl meine kleinen mitgebrachten Schokoladeneier etwas verformt sind, dekoriere ich den Frühstückstisch damit. In einer islamistischen Gesellschaft hat dieser Tag zwar keine besondere Bedeutung, aber die Ostereier verschwinden schnell. Wieder die lange Fahrt nach Cabedú wie am Vortag. Bemba, der Fahrer, hat anstrengende Tage. Wir kommen durch Dörfer, in denen schöne, sorgfältig geflochtene Körbe hergestellt werden. Aber obwohl wir welche bestellen, um den Absatz zu steigern und den Frauen einen Zuverdienst zu ermöglichen, werden in den folgenden Tagen keine produziert.

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In Cabedú wartet Siabatu, eine Multiplikatorin von AD, die Frauen in 8 umliegenden Dörfern im Anlegen von Gemüsegärten und Salzgewinnung unterrichtet und betreut. Auch in diesem Dorf hat sie eine Gruppe von 84 Frauen, ihr Gemüsegarten sieht allerdings etwas verwahrlost aus. Die Tomaten haben die gleiche Krankheit wie auch bei uns und wir verteilen unseren dafür verfassten Flyer, wie man Tomaten behandeln sollte, um das Problem zu vermeiden. In den 8 Jahren unserer Projektarbeit haben wir so viele Bausteinchen erarbeitet, die die Lebensbedingungen verbessern könnten und immer wenn wir an einen neuen Ort kommen, spule ich alles herunter (Seife aus Purgiernuss oder Moringa, Kapokwolle, Moringa, Plastikverarbeitung, Trocknen, jetzt neu natürliche Gemüsebrühe) und versuche neue Impulse zu geben.

Es soll ein Kurs für Frauen stattfinden und ich will mit ihnen die Kette zur Familienplanung anfertigen. Nach und nach kommen die Frauen aller Altersgruppen angetröpfelt. Für einen als Dozenten nicht gerade einfach, weil jedes Mal neue Unruhe entsteht. Wir haben Holzperlen in weiß, grün rot und braun mitgebracht und nach einer theoretischen Einführung fädelt jede Frau ihre Perlen auf. Einem kleinen Stoffbeutelchen aus afrikanischem Stoff haben wir einen laminierten Zettel angehängt, um in Bildform noch einmal zu erinnern, dass „weiß“ keine Gefahr bedeutet, während „grün“ die fertilen Tage anzeigt. Interessant ist, dass die Frauen überzeugt sind, während der Menstruation schwanger werden zu können und deshalb den Verkehr meiden, danach jedoch nicht. Ich muss meine gesamte medizinische Autorität aufwenden, um sie –vielleicht- vom Gegenteil zu überzeugen.
Eine kurze Erläuterung über den Wert von Moringa wird mit Klatschen und dem spontanen Ausruf einer Frau „viva Moringa“ beendet. Und die Frauen bewegen sich langsam wieder in der Mittagshitze nach Hause, ihr Perlensäckchen auf dem Kopf tragend. Eine hat es ganz dekorativ am Träger ihres Tops befestigt. Was wohl die Männer sagen werden? Wir verbringen die Mittagspause mit ein paar Frauen im Schatten von Neembäumen. Leicht windig, gut auszuhalten. „Djumbai“, das heißt, man unterhält sich. Zum Beispiel welche Früchte in Deutschland wachsen. Als wir erzählen müssen, dass es keine Mangos, keine Papaya, keine Cashew… gibt und es nicht jeden Tag so warm ist, dass man in kurzen Ärmeln herumlaufen kann, spürt man förmlich ihr Mitgefühl.

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Nachmittags die zweite Frauengruppe, dasselbe Getröpfel, aber insgesamt erreichen wir über 100 Frauen! Danach noch eine Gruppe von 15 Dorfhebammen. Nur eine einzige hat vor Jahren über ein Projekt an einer Einführung in die Geburtshilfe teilgenommen und ist mit einem kleinen Hebammenköfferchen ausgestattet worden. Alle anderen haben das Wissen von ihren Müttern übernommen und leisten ohne jegliche Hilfsmittel und auch kostenlos Geburtshilfe. Sie erzählen von den Heilpflanzen, die sie einsetzen. Ihr Wunsch ist es, Kriterien zu erlernen, frühzeitig zu erkennen, ob eine Entbindung normal verlaufen wird oder ob Komplikationen zu erwarten sind. Ein Thema für die nächste Reise!

Wieder In Jemberem treffen wir eine junge Dänin, die für ein Jahr an einem Projekt in Bissau arbeiten will, das es schon seit den 80er Jahren gibt und dessen Chef ich noch von damals kenne. Es geht um Tuberkulose und die Beeinflussbarkeit der Erkrankung durch Impfungen. Die Gruppe der Erkrankten soll mit der üblichen Vierfach-Antibiotica-Thearpie und um den Ernährungszustand zu verbessern mit angereicherten Keksen aus den USA behandelt werden. Was ist mit Moringa? Kennt sie nicht, wird sie aber für eine kleine Kontrollgruppe vorschlagen. Wie oft haben wir in diesen Tagen Projekte gesehen, die von importierten Produkten abhängig waren und wenn es diese nicht mehr gab, ganz schnell ein Ende gefunden haben! Sollte man nicht lieber die Autonomie fördern? Hat man dies nach den vielen Jahren der Entwicklungshilfe immer noch nicht gelernt? Ein Thema, in das ich mich endlos hineinsteigern könnte.
Aber die Affen sind da und turnen in den Bäumen. Innerhalb weniger Stunden haben sie einen großen Baum ganz kahl gefressen.

Montag, 1.4.2013

Als wir losfahren, kommt die Frühaufstehergruppe gerade aus dem Wald zurück. Wieder keine Schimpansen!
Treffen mit 7 Lehrern der EVA-Schulen. Vorstellen und pädagogische Hinweise zur Einführung meines Büchleins in den Schulen. Für jede Schule haben wir ein Memoryspiel gemacht, das ich mit den Lehrern spiele. Welch eine Spannung und laute Freude, wenn einer ein Kartenpärchen erwischt!
Die Diskussion des Büchleins für die Basis ergibt neue Verbesserungsmöglichkeiten. Vor der Abfahrt bringt sich Bobo, der verschmitzte Dorfälteste, der immer noch kein Motorrad bekommen hat, schon mal für das nächste Jahr in Erinnerung. Was nicht ist, kann ja noch werden.
Im Anschluss besuchen wir die eine Dorfhebamme zu Hause und schauen uns ihre Unterlagen an, um zu wissen, wie ich nächstes Jahr dort anschließen könnte. Der Garten der Balantafrauen (in diesem Dorf leben 18! Etnien) ist dieses Jahr nicht so reichhaltig, die Wasserpumpe ist kaputtgegangen.
Frauen mit Fischen kommen vorbei und wir kaufen einen gut 1m langen Fisch für etwa 75 Cent. Als ich erzähle, dass ein Fisch dieser Größe bei uns zwischen 15 und 20 Euro kosten würde, ruft das großen Unglauben hervor. Am Rückweg entdecken wir am Wegesrand Sträucher mit großen weißen, ganz intensiv wie Jasmin duftenden Blüten. Das wäre wieder etwas für die Duftölgewinnung!

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Traditionelle Salzgewinnung mittels eindampfen!!

In einem Dorf schauen wir uns wieder einmal Bienenkästen an. Der Verantwortliche erklärt zur Honiggewinnung, dass die Waben kleingeschnitten werden und man sie dann über Nacht abtropfen lässt. Also ohne Rauch.

Nebendran die Herstellung von schwarzer Seife aus Asche, Öl und Früchten, die innen wie Feigen aussehen, aber nicht essbar sind. Die Seife wird zu schwarzen Bällen geformt, hat einen für uns gew.hnungsbedürftigen Geruch, schäumt aber sehr gut und ist angenehm für die Haut.
In einem anderen Dorf wird traditionell Salz aus salzverkrusteter Erde gewonnen. Auflösen in Wasser, abfiltrieren und auf dem Feuer eindampfen, was sehr energieaufwendig ist. Es erstaunt mich, von einem Projekt zu hören, wo Jod dem Salz hinzugefügt wird, in einem kleinen Land am Meer, wo das Meerwasser bei jeder Flut bis 100 km in das Land hineinreicht.
Zurück in Jemberem wollten wir eigentlich mit der Chefin des Restaurants Moringanudeln machen. Sie hat letztes Jahr eine Kurzausbildung in Gastronomie von einer Portugiesin bekommen, die aber im April bei den politischen Unruhen wieder nach Portugal zurückgegangen ist. In diesen Tagen war sie schon sehr gefordert, zuerst von unserer Gruppe, etwa 15 Leute, dann kam ein Bus voller australischer/amerikanischer Touristen an, die nachts ihre Zelte aufgebaut haben und unbedingt Schimpansen sehen mussten, ein englisches Pärchen mit Hund, die mit vollausgerüstetem Landrover eine Afrikatour machten. Verständlich, dass sie vergessen hat, Moringa zu trocknen. Da wir jetzt etwas Zeit haben, machen wir es selbst, streifen die Blätter von den Stielen und legen sie zum Trocknen auf den Boden. Allerdings haben wir nicht mit den Ziegen gerechnet, die in Scharen von diesem guten Geruch angezogen werden.

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Noch ein langer Spaziergang durch das Dorf, viele Gespräche über das woher und wohin, durch das raschelnde Laub der Cashewanlagen und immer wieder Verführtwerden durch die süßen, saftigen Cashewfrüchte. Die Sonne geht unter, die Feuerchen brennen und der Duft der gerösteten Cashewkerne liegt in der Luft. In der Dunkelheit sind wir leicht zu erkennen und Arnoldinhos Vater erkennt Arnold und wir bekommen ein Säckchen frisch gerösteter Kerne.

Ich hatte den Wunsch geäußert, den Chef der Radiostation zu sprechen und, als wir zurückkommen, sitzt er schon da. Ich erzähle etwas von meinen Aktionen und von dem Büchlein und schon sitze ich im Studio mit einem Mikro in der Hand. Auch sie sind ganz interessiert, die Geschichte als Fortsetzungsfolge zu senden. Nach mir die Direkteinspielung eines guiniensischen Fußballers in Portugal. Phantastisch klarer Sternenhimmel! Der große Wagen steht wie immer auf dem Kopf. Satú hat auf unseren Wunsch hin Moringa in Erdnußsauce gekocht. Köstlich!

Dienstag, 2.4.2013

Haben wir doch ganz vergessen, jemanden in den April zu schicken, eine Sitte, die es auch in Guiné gibt.

Und wieder machen wir die „berühmten Nudeln“. Meiner Meinung nach hätten sie hier auf der Speisekarte, auf der es nur ein Tagesgericht ohne Auswahl gibt, einen guten Platz. Ich ermuntere Satú mehr mit Moringa zu kochen und verspreche ihr, Rezepte zu schicken. Noch einmal die furchtbare Piste der letzten Tage und Weiterfahrt nach Cafal, einer Missionsstation, die 10 Jahre verlassen gewesen ist und jetzt von 4 Ordensschwestern wieder betrieben wird. Ein schönes palmenbestandenes Gelände mit einem Gemüsegarten, in dem alles sehr langsam wächst. Arnold nimmt Bodenproben für zu Hause mit. Irma Maria zeigt uns das Dorf.

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Eine nebenanstehende Schule in Selbstverwaltung, wo die Eltern eine Schulküche gebaut haben, die in der Regenzeit wieder zusammengestürzt ist und wo es viel Überredungskunst bedurft hat, bis sich Mütter bereit erklärt haben, im Turnus für die Kinder zu kochen, nicht weit entfernt, praktisch nebenan die evangelische Mission auch mit Schule, die tunlichst jeden Kontakt mit den Schwestern vermeidet, neue Brunnen, deren Wasser einen ganz merkwürdigen Geschmack hat, so dass es als Trinkwasserungeeignet ist und die Leute weiterhin zum weit entfernten Brunnen gehen müsse, eine funktionierende Reisschälmaschine, wo die Frauen für 12kg geschälten Reis 1kg abgeben müssen, die kleine Adama, die wie ihr Vater mit zusammengewachsenen Fingern und Zehen auf die Welt gekommen ist, und der Interplast mit seiner jährlich einmal nach Guiné kommender Equipe von plastischen Chirurgen dazu verholfen hat, dass der Daumen isoliert ist und sie greifen kann, ein alter Mann, der sich abplagt und ein riesiges Haus selbst erbaut (für wen?), die einzige Ambulanz, die seit einem Jahr kaputtgefahren im Dorf steht, ohne dass der damals betrunken fahrende Krankenpfleger zur Rechenschaft gezogen worden wäre, ein Gesundheitsposten, der keine Medikamente und auch keine geregelten Öffnungszeiten mehr hat. Dorfgeschichten. Wir sind beide davon überzeugt, dass die nach der Unabhängigkeit eingeführte Gesundheitsversorgung mit Freiwilligenarbeit der Dorfhebammen und Gesundheitspfleger einen hohen Standard hatte. Maria meint, alles hätte ein Ende gehabt nachdem die kostenlosen Hilfslieferungen von PAM, des Welternährungsprogramms, angefangen haben, eine Meinung, die ich auch schon von anderen gehört habe.
Die Schwestern sind in der Schule aktiv, führen Wachstumskontrollen der Kinder in den Dörfern durch und versuchen im weiteren sozialen Bereich aktiv zu sein. So gibt es z.B. eine große Diskothek im Dorf und in der einen Etnie ist es erstrebenswert, möglichst früh schwanger zu werden. Das Problem der ledigen Mütter ist ein großes gesellschaftliches Problem.
Abends kommt eine junge Frau mit einer langen Leidensgeschichte, die schon in vielen Behandlungen war, aber ohne Erfolg. Sie ist der Meinung der Grund ihrer Erkrankung wäre, dass ihr jemand die Seele gestohlen hätte. Was soll ich da mit meiner „modernen Medizin“ anfangen?
Unter wieder wunderschönem Sternenhimmel ein erster Anruf zu Hause, es soll immer noch kalt sein und schneien!
Zum Abendessen köstliche Focaccia siciliana (Maria ist Sizilianerin) und danach Notoperation ihres vereiterten Daumens.

Mittwoch, 3.4.2013

Diese entsetzliche Straße wieder zurück in Richtung Bissau. Unterwegs halten wir an der EVA Schule Sintchur Caramba. Es sind Osterferien, es hat sich wohl keiner intensiv um den Schulgarten gekümmert. Moringabäume blühen sehr schön. Wieder einer dieser ominösen Solaröfen, diesmal fast auf Augenhöhe. In einem Raum ein Riesenberg an portugiesischen Kinderbüchern mit CDs! über irgendwelche Feen, Weihnachtsmann mit Rentierschlitten… naja.

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Über Solarpanels verfügt ein Schulraum auch nachts über Licht. Als gejammert wird, dass es vor Jahren mal ein tolles Projekt der Alphabetisierung der Frauen gegeben hat, das aber seit Projektende nicht mehr funktioniert, weil die Mittel aus dem Ausland fehlen, muss ich all mein diplomatisches Geschick zusammen nehmen um nicht auszuflippen. Was braucht man denn Großes zur Alphabetisierung außer einem Bleistift und ein Heft!!!

Irma Maria kennt das Projekt nicht, obwohl sie auf dem Weg nach Bissau immer daran vorbeifährt. Aber jeder einzelne scheint immer in seinem Projekt gefangen Ankunft in Nhabijon. Große Aufregung, weil im Nachbarhaus der Dorfälteste gestorben ist.

Die beiden italienischen Freiwilligen hatten ihn Ende letzten Jahres zu einer Bruchoperation nach Bissau ins Krankenhaus gebracht, seither war er nicht mehr so ganz fit gewesen, sie haben ihn wieder zu Ärzten gebracht……und jetzt ist er überraschend gestorben und seine Kinder, die sich überhaupt nicht um ihn gekümmert haben, geben jetzt den Italienern die Schuld. Eine schwierige Situation, die sich im Laufe der Tage positiv entspannt. Die Region ist sehr trocken, die Mangos sind nicht reif, einige fallen notreif und ungenießbar herab, Obstbäume sind am Vertrocknen. Der Heilpflanzengarten ist für das Ende der Trockenzeit in einem guten Zustand. Der Gemüsegarten der Frauen im Dorf hat massive Wasserprobleme und ist nur noch vereinzelt bebaut.

Donnerstag, 4.4.2013

Unterricht der Medizingruppe. Die Gruppe hat sich weiter reduziert, es arbeiten nur noch Mansoa und Contubuel. Das Problem ist, dass wenn eine Ordensschwester eine Gruppe verlässt, alles zusammenbricht. Sicher, sie hat ein Auto, kann die Pflanzen aus dem Wald in die Apotheke transportieren… viele Erleichterungen. 13 aktive Mitglieder, wobei bei einzelnen nicht klar ist, ob sie weiter die Gruppe unterstützen. Ein weiteres Problem ist der fehlende Zustrom von Interessierten. Das Problem wird in den nur sehr begrenzten Verdienstmöglichkeiten gesehen. Niemand mag mehr etwas kostenlos tun, nicht mal die Flaschen spülen. Dennoch ist die Apotheke in Mansoa gut ausgestattet, die Verkaufsstelle in Bissau bei Caritas eingerichtet worden und es sind Veranstaltungen in 2 weiteren Städten gemacht worden. Schon jetzt wird auf den Tag der afrikanischen Medizin mit einer großen Ausstellung am 31.8. hingearbeitet. Die Anfrage, auch in Bafata eine Apotheke einzurichten, wird allerdings abgelehnt. Es sind keine weiteren Ressourcen vorhanden.
Aber es wird auch betont, dass die Gruppe weitermachen will, weil sie inzwischen bekannt ist und die Leute es von ihnen erwarten. Es gibt auch schon Tendenzen, die Mittel der Gruppe unter ihrem Namen nachzumachen und damit Geld zu machen. Mathilde, die Frau am Tresen der Apotheke, passt von daher gut auf, wenn jemand eine größere Menge eines Mittels kaufen will und zieht dann ihre Erkundigungen über ihn ein. Zurzeit hat die Gruppe Probleme mit der Sterilisierung und bräuchte auch tagsüber Strom. Wir werden eine Ausstattung mit Solarpanels diskutieren. Unsere Sirupfläschchen sind immer noch unterwegs, zwar in Dakar, aber noch nicht in Bissau. Zwischenzeitlich werden Bierfläschchen verwendet. Contubuel verarbeitet Djanderé, hatte gute Resonanz in Kapselform, bräuchte aber Nachschub. Desweitern wären 2 Trockner wichtig. Sie haben einen Entwurf gemacht, mal schauen, ob er in Pepitos Werkstatt realisiert werden kann. Weiterhin ist eine Computerausbildung für einzelne Mitglieder der Gruppe geplant.

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Bis dahin übernimmt Dra.Vanira einige Aufgaben, wie Schreiben der Etiketten, Radioaufnahmen, damit mein Buch über „Radio sol mansi“ verbreitet werden kann. Sie ist sehr engagiert und macht von sich aus einige gute Vorschläge, wie Verbreitung des naturheilkundlichen Wissens auch in religiösen Gruppen.

Mit diesen ganzen Problemen der Gruppendynamik, Moringanudel Zubereitung (die Maschine wird in den Händen der Gruppe bleiben und alle freuen sich schon auf den Nudelverkauf), erneuter Potenzierung des Termitenkrautes (das vom letzten Jahr ist spurlos verschwunden) und Diskussion des Basisbuches vergeht der erste Kurstag. Eine Teilnehmerin fordert vehement Citronellatee statt Milch zum Frühstück!
Abends zeigen wir Filme von der Eröffnung im Süden, bzw. von Cacheu, wo im vergangenen Jahr viel Geschichtsaufarbeitung, zu der über Jahrhunderte hinweg erfolgten Verschleppung von Sklaven, unter Pepitos Federführung geleistet worden ist. Heute ist der 6. Tag, dass der Nachbar des Zentrums von Nhabijon gestorben ist. Viele Leute sind gekommen, sitzen um das Haus herum und ab 1 Uhr nachts fangen plötzlich einsetzende, an- und abschwellende Gesänge an. Damit es auch in den anderen Dörfern gehört wird, mit Mikrofon! Seitdem wir einmal in Bissau neben einer Diskothek schlafen mussten, bin ich immer mit Ohrstöpsel ausgerüstet. Die anderen haben mehr gelitten und Irma Maria hat am Morgen wütend ausgerufen: „glaubt ihr etwa, dass Gott taub ist?“

Freitag, 5.4.2013

Für den 2.Kurstag habe ich mir die Behandlung mit Bienenprodukten vorgenommen. Dino unterstützt mich und wir produzieren Lippenstift aus Olivenöl und Wachs. Große Begeisterung, auch das wird ein neues Produkt für die Apotheke. Dino bekommt neue Ideen für sein Imkerprojekt, wie z.B. Propolisgewinnung.

Wir lernen einen Italiener kennen, der in Nhabijon Parabolspiegel als Solarkocher zusammenbaut. Er meint, dass viele Leute interessiert wären, er will aber die Frage nach der Nachhaltigkeit nicht so ganz verstehen. Wir hatten in den 80er Jahren einen ausprobiert, aber ich habe nie Wasser zum Kochen gebracht, weil ich immer vergessen habe, ihn dem Lauf der Sonne gemäß nachzujustieren.
Am Abend zeigen wir den Film von Flora Gomes „die Republik der Kinder“. Einen Film mit vielen Botschaften, z.B. dass man nur gemeinsam in einer Gruppe etwas erreichen kann. Jede einzelne Einstellung wird laut kommentiert. „Schau dir diesen Typ an, so ein mieser Kerl! Gibs ihm! ...“ Herrlich!

Samstag, 6.4.2013

Treffen mit 11 Imkern in Bissora. Leider wird der Versammlungsort von einer Disco in einen Schulraum verlegt. Ich hätte doch gerne einmal eine Dorfdisco von innen gesehen! Wir diskutieren die Möglichkeiten der Unterstützung der Imker-Cooperative und besichtigen danach einige traditionell in den Bäumen aufgehängte zu Bienenkörben umfunktionierte hohle Baumstämme. Am Ufer des kleinen Flüsschens Abdrücke von Flusspferden, die hier „pis cavallo“ (Pferdefisch) heißen.

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Um einem Mitglied der Medizingruppe zu helfen, der wunderbare Cashewkerne produziert, aber keinen Absatz findet, füllen wir einem Koffer mit 20kg. Schnell noch einen Blick auf die Apotheke in Mansoa geworfen, für die Ordensschwester dort einige neue Taschen-schnitte für ihre Nähgruppe dagelassen (wieder: „aber nächstes Mal musst du mindestens 1 Woche hierbleiben“) und nach Bissau zurück.
Dort noch ein Treffen mit dem deutschen Botschaftsvertreter, der uns einiges erzählt, was so in Bissau läuft. So ist wohl vor 2 Tagen der Flughafen geschlossen worden, da ein General wegen Drogengeschäften vom CIA festgenommen und in die USA gebracht worden war. Die Angehörigen der amerikanischen Botschaft hatten geschlossen das Land verlassen und es hat einen Moment lang wieder ganz wackelig ausgesehen. Und wir hatten gar nichts davon mitbekommen! Es gibt viele Überlegungen und Anstrengungen der internationalen Gemeinschaft, diesem Land und der ganzen Region wieder Stabilität zu verschaffen. Das von der Nomastiftung finanzierte „deutsche“ Krankenhaus arbeitet und die 3.Ärzteequipe aus Österreich war gerade dagewesen und hat operiert. Nelson kommt noch und verspricht in Anbetracht unseres kargen Abendessens (trockenes Brot mit einem Schokoriegel) am nächsten für uns Tag zu kochen. Leider klappt das dann nicht.

Sonntag, unser Abflugtag

Packen, noch einige Gespräche. Essen bei unseren „guiniensischen Kindern“. Unter vielen Schwierigkeiten schaffen wir noch ein Treffen mit den beiden guiniensischen Karikaturisten, den Gebrüdern Juljo. Sie sind einverstanden, für nächstes Jahr eine weitere Schullektüre mit dem Motto Reduzierung von Durchfallserkrankungen durch bessere Hygiene, vor allem Händewaschen, in Comicform und in Criol zu schreiben. Da das mit der Fahrerei immer sehr schwierig ist, wird ein Onkel gefragt, der mit seinem Auto vorfährt. Ich habe gedacht, ich sehe nicht richtig: ein goldfarbener Jaguar mit Rechtslenkung. Peinlich, ich habe mich ganz klein gemacht. Er blieb dann allerdings mitten auf der nächsten Kreuzung stehen, wir haben ihn noch weggeschoben und dann in ein Taxi mit Sprungfedern im Rücken gewechselt.
Im letzten Moment kommt noch eine junge Soziologin, die einen Kindergarten an der Grenze zum Senegal aufbauen will und Hilfe erbittet.
Aber dann um 21 Uhr zum Flughafen, Abflug um 2 Uhr nachts. In der Zwischenzeit können wir die neue afrikanische Hauptstadtmode bewundern, die sich am Flughafen eingefunden hat. Da sehen wir wirklich blass und farblos daneben aus.

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Die 8. Reise in Folge. Viele Gespräche über Projekte und ihre Nachhaltigkeit. Raubbau der Urwaldbäume und der schweren Erden in Varela, Beginn eines Tagebergbauprojektes in Farim in für dieses Land gigantischem Ausmaß, Drogenproblematik mit Korruption. Immer wieder Zweifel an der eigenen Arbeit und deren Sinnhaftigkeit. Was wird die Zukunft bringen?
Vielleicht sollten wir es wie die Bevölkerung in Papua Neuguinea machen? Sie zeigen hinter sich, wenn sie in die Zukunft zeigen wollen. Die Vergangenheit liegt offen vor ihnen, aber was kommen wird, ist nicht zu sehen. Heute an diesem schönen Sonnentag sitze ich im Garten und schreibe. Da sind sie die ersten Schwalben, die uns von Guiné nachgefolgt sind! Ganz schön schnell!

Sonja, Arnold und Jessica 16.4.2013

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